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türkei wanderin deutschland identität
Foto: Eva Grey/ unsplash.com

Ich bin eine Wanderin

Als Melda (17) anfing für qrage.online zu schreiben, hätte sie sich als Türkin bezeichnet. Warum sie das heute nicht mehr sagen würde und was sie dabei über sich selbst erfahren konnte, hat sie für uns aufgeschrieben.

Melda (17) Dieser Text ist Teil des Magazins "q.rage" 2018/19

Mein Vater hat mir mal gesagt: „In deinen Adern fließt türkisches Blut!“ Seine Worte klangen harsch, dabei ist er eher der ruhigere Typ. Es schien ihm sehr wichtig zu sein.

Früher hätte ich meinem Vater zugestimmt. Ich habe mich lange Zeit selbst als Türkin gesehen, obwohl ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin. Nach wie vor schätze ich die Türkei für ihre Diversität: die queeren Menschen in Istanbul, die umjubelten Fußballmannschaften aus allen Ecken des Landes, die wohlriechenden Bazaare. Wenn sich Männer und Frauen auf der Straße voll Inbrunst in die Haare kriegen, fühle ich mich wohl, weil ich mein Temperament in ihrem wiedererkenne.

Impulse aus dem Telefon

Es gibt aber auch andere Momente. Zum Beispiel fühle ich mich auf türkischen Hochzeiten nicht willkommen. Oft würde ich lieber zuhause Trash-TV schauen, als mich von fremden älteren Damen beäugen zu lassen, die wahrscheinlich auf der Suche nach einer Frau für ihren Sohn sind.

Überhaupt ist das Thema Männer schwierig. Als ich neulich mit meinem besten Freund ins Kino gehen wollte, durfte ich nicht. Meine Eltern mögen ihn nicht, weil er ein Junge ist. Es gebe außerdem die Möglichkeit, dass irgendwer mich auf dem Nachhauseweg entführen oder vergewaltigen könnte. Ich darf keine Männer treffen, aber ich soll einen heiraten. Und ich soll mich immer nach Männern richten, zum Beispiel soll ich um Erlaubnis bitten, ob ich etwas mit Freunden unternehmen darf. Diese Einstellung begründen meine Eltern mit ihrer Kultur, die ihrer Meinung nach auch meine ist. Sie widerspricht aber meinem Bedürfnis nach Freiheit und Gerechtigkeit.

Wenn ich morgens mein Telefon in die Hand nehme, öffne ich Instagram und Menschen aus aller Welt teilen sich mir mit: ich sehe einen Amerikaner, der sich öffentlich schminkt, oder eine Inderin, die selbstbewusst mit ihrem Körper und ihrer Sexualität umgeht. Der ständige Kontakt zur ganzen Welt hat meine Ansicht über die Frage verändert, ob ich eher Türkisch, Deutsch oder einfach was anderes bin.

Wurzeln in der Welt suchen

Ich wollte mich neu erfinden. Wenn ich auf Instagram auf Artikel stoße, die konservative Standards polemisch diskutieren und Menschen nicht die Flagge einer Nation schwingen, sondern für Freiheit und Gerechtigkeit einstehen, fühle ich Hoffnung. Hoffnung für eine Rebellin wie mich, eine eigene Rolle in der Welt zu finden. Ich sah nicht mehr nur schwarz und weiß, sondern blau, gelb, lila und so viel mehr.

Diese Flut an Informationen, Meinungen und Ansichten saugte ich auf, bastelte mir daraus ein buntes Mosaik und übertrug es auf mich selbst. Mit all diesen Menschen konnte ich mich identifizieren, ich konnte ihre Sorgen und Hoffnungen nachvollziehen und verstehen. In welcher Form es auch war, wir fühlen denselben Schmerz und dieselbe Freude. Wieso sollte ich mir also selbst eine nationale oder kulturelle Grenze setzen?

Ich glaube, dass wir Menschen alle eins sind. Dass wir denselben Ursprung haben. Richtig klar wurde mir das, als ich den Roman „Demian” von Hermann Hesse gelesen habe. Darin erzählt Hesse das Leben eines nicht weniger verwirrten Jugendlichen als ich. „Und allen sind die Herkünfte gemeinsam, die Mütter, wir alle kommen aus demselben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und Wurf aus den Tiefen, seinem eigenen Ziel zu. Wir können einander verstehen; aber deuten kann jeder nur sich selbst“, heißt es da. Als ich den Satz las, fühlte ich das.

Mir ist klar geworden, dass meine Wurzeln zwar in der Türkei liegen, meine Zukunft jedoch in der Welt. Nein, in meinen Adern fließt kein türkisches Blut. In meinen Adern fließt das Blut einer Wanderin. Noch habe ich einen langen Weg vor mir, aber bald werde ich in meinem Zuhause ankommen und alles wird sich gelohnt haben.

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