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Unter der Friedensbruecke in Frankfurt erinnert ein 27 Meter langes Gedenk-Graffiti an die Opfer des Anschlags in Hanau am 19. Februar 2020.
Foto: picture alliance / greatif | Florian Gaul

Die Opfer waren keine Fremden – Reden über Hanau

Sechs Monate sind seit dem rassistischen Anschlag in Hanau vergangen. Noyan (14) hat aufgeschrieben, was er darüber denkt.

Noyan (14)

Die Morde von Hanau sind furchtbar und grauenvoll. Die Menschen, die ermordet wurden, waren für den Täter Ausländer und Fremde.

Als ich vom Anschlag erfahren habe, war ich zuerst schockiert und fassungslos. Ich fühlte mich stark betroffen, weil der Täter mich auch hätte töten können. Ich habe türkische Wurzeln und bin, so wie meine Eltern auch, hier in Deutschland geboren, bin quasi die dritte Generation. Wir haben nach dem Attentat in der Familie und mit Freunden viel über das Attentat und über Rassismus gesprochen.

Meine Eltern erklärten mir, dass sie auch in ihrer Jugend als Ausländer mit diesem Thema konfrontiert wurden. Ihnen wurde zum Beispiel gesagt, sie seien Gastarbeiter, und ein Gast solle wieder zurück in seine Heimat. Sie erklärten mir, dass der Rassismus sich zunächst über die Sprache entfaltet. Hanau ist nicht der erste rassistische Anschlag, es wurden schon in den 1990er Jahren in Solingen und Mölln Menschen umgebracht. Leider soll es auch bei der Polizei viele Polizisten geben, die rassistisch denken und handeln. Das besorgt mich sehr.

Neue Vorsicht

Für mich war immer klar, dass Deutschland mein Zuhause ist. Nun kommen mir Zweifel. Trotzdem werde ich mich für kulturelle Vielfalt und Offenheit einsetzen.

Allerdings steht für mich und meine Familie fest, dass wir Deutschland verlassen, falls die Situation so werden sollte, wie in der Nazizeit. Zum Glück habe ich auch eine zweite Heimat, was damals die Juden leider nicht hatten. Deshalb schätze ich mich glücklich, weil wir, falls der Rechtsradikalismus stärker wird, Deutschland verlassen können. Ganz ehrlich, bislang hatte ich mir nie Gedanken darüber gemacht. Ich habe mich in Deutschland nie fremd gefühlt, in meiner zweiten Heimat Türkei hingegen schon eher, weil ich dort, wenn ich ankomme „der Deutschländer“ genannt werde.

Ich werde fortan viel mehr darauf achten, was um mich herum passiert, ob ich in meiner Nähe eine rechtsradikale Gefahr erkenne. Außerdem habe ich mir vorgenommen, im Internet auf rechtsradikale Kommentare zu achten. Für den Fall, dass ich was entdecke, möchte ich das der Polizei melden. Bei dem Attentat in Hanau hatte der Täter lange vor seinem Attentat rechtsradikale Sprüche verbreitet.

Für die Zukunft wünsche ich mir ein Deutschland und eine Welt ohne Rassismus. Ich denke, die Welt gehört allen Menschen. Auf der Welt sollte es keine Grenzen zwischen den Staaten geben. Eine Welt eben ohne Grenzen, wo Menschen leben können und wo sie frei entscheiden können, wo sie hingehen. Auch wenn sie keine zweite Heimat haben.

 

Reden über Hanau

Am 19. Februar 2020 tötete ein 43-jähriger Attentäter bei einem rassistischen Anschlag neun junge Menschen in Hanau, unter anderem in und vor Shisha-Bars. Die Polizei fand den Täter und seine Mutter tot in seiner Wohnung.

Der Redebedarf der Jugendlichen war groß, schließlich wurden wichtige jugendliche Rückzugsorte zu Tatorten. Die 8. Jahrgangsstufe der IGS Nordend nahm am Online-Seminar „Wir reden über Hanau“ der Bildungsstätte Anne Frank teil, des hessischen Trägers der Landeskoordination Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage.

Der Text entstand im Nachgang des Online-Seminars und in Zusammenarbeit mit Laura Villalba Weinberg und Ruta Kidane.

Weitere Texte über Hanau erscheinen mit der neuen q.rage im September 2020.

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