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Ein Jahr ohne Jewrovision

Einmal im Jahr kommen jüdische Jugendgruppen zum Gesangswettbewerb Jewrovision zusammen. Wegen Corona musste er 2020 ausfallen.

Hanna, 22

Einmal im Jahr kommen jüdische Jugendgruppen zum Gesangswettbewerb Jewrovision zusammen. Wegen Corona musste dieses Highlight jüdischer Jugendkultur in Deutschland im Jahr 2020 ausfallen. Unsere Autorin hatte sich schon so sehr darauf gefreut.

Die Proben hatten bereits im September 2019 begonnen. Damals war Corona noch eine Biermarke. Ein halbes Jahr lang trällerten jüdische Kinder und Jugendliche in ganz Deutschland ihre Tonleitern rauf und runter, ließen sich von ihren Trainern anschreien und ertrugen tapfer den Montags-Muskelkater. Denn jeden Sonntag standen sie auf der Matte und wer nicht genug Disziplin mitgebracht hatte, kam, wenn überhaupt, nur sehr knapp ans Ziel. Doch was war dieses Ziel? Es ging darum, drei bis vier Minuten Ruhm und Scheinwerferlicht auf der Jewrovision-Bühne zu tanken.

Jüdisches Leben feiern

Die Jewrovision ist ein seit 2002 jährlich stattfindender Gesangs- und Tanzwettbewerb, bei dem jüdische Jugendzentren aus Deutschland mit Choreographien und selbstgeschriebenen Texten zu Popsongs gegeneinander antreten.

Der Ablauf ist relativ simpel: Am Freitagmorgen steigt man mit den Jugendlichen aus seinem Jugendzentrum in einen Bus, um dann einige Stunden später den Veranstaltungsort zu erreichen. Etwas später am Tag, nachdem man sich in seine schönsten Kleider geworfen hat, begrüßt man mit ungefähr 1000 anderen jüdischen Kindern gemeinsam den Schabbat. Eine gewöhnliche Großveranstaltung? Wohl kaum! Bei kaum einem Event kommen so viele junge Jüd*innen zusammen, um mit Musik und Tanz das jüdische Leben in Deutschland zu feiern. Bei der Jewro 2020 in Berlin wären es 1.300 Jugendliche gewesen. Wer bedenkt, dass in Deutschland etwa 200.000 Jüdinnen und Juden leben, versteht, wie besonders das ist. Das Zusammentreffen zum Gebet ist außerdem auch der Moment, an dem man all seine Freund*innen, die man aus den jüdischen Ferienlagern kennt, wiedertrifft. Während der Begrüßungen wird gelacht oder vor Freude geweint, oft auch beides gleichzeitig. Jedenfalls ist das Wiedersehen fester Bestandteil dieser Zeremonie.

Am Samstag nach dem Morgengebet gibt es dann verschiedene spannende Workshops zu unterschiedlichen Themen rund um das Judentum, aber auch zu Antisemitismus im Rap oder Lesungen. Dann beginnt die Vorbereitung für die Show.

Showtime

Und schon ist der große Moment gekommen: Die Jugendzentren treten gegeneinander an und zeigen, was sie innerhalb des letzten halben Jahres auf die Beine gestellt haben. Schnell fallen Anspannung und Nervenkitzel ab und eine euphorisierende Wirkung tritt ein. Auf der Bühne hat man hat das Gefühl, unbesiegbar zu sein und möchte die ganze Welt umarmen. Man fühlt, dass man Teil eines Teams ist, einer Gruppe, die diesen Weg zusammen gegangen und dabei zusammengewachsen ist.

Dieses intensive Gemeinschaftsgefühl bezieht sich in Wirklichkeit auf mehr als nur auf die Show. Wer in Deutschland als Teil einer Minderheit aufwächst, wächst auch damit auf, immer eine gewisse Andersartigkeit von außen zugeschrieben zu bekommen. Man lernt früh, sich mit der eigenen Identität auseinanderzusetzen und die eigene Zugehörigkeit zu hinterfragen. Außerdem machen viele von uns schon früh erste Erfahrungen mit Diskriminierung und Hass. Umso wichtiger ist es für uns, regelmäßig zusammenzukommen und zu sehen, dass wir damit nicht allein sind. Dank Veranstaltungen wie der Jewrovision können jüdische Kinder endlich Normalität erleben und müssen sich nicht mehr fühlen als wären sie anders, exotisch. Vor allem für junge Jüden und Jüdinnen, die aus kleinen Städten und noch kleineren Gemeinden kommen, ist die Jewro die einzige Möglichkeit, ein blühendes jüdisches Leben in dieser Vielfalt kennenzulernen.
Darüber hinaus ist die Jewro ein wichtiges Zeichen für den Rest der Gesellschaft, das aussagt: „Wir sind da, wir sind viele und vielfältig und ein Teil von Deutschland, ob es euch gefällt oder nicht.“ Auf diese Weise gewinnen wir an Sichtbarkeit, die dazu beiträgt, das jüdische Leben in Deutschland zu sichern.

Es wäre ein großes Fest geworden, ein Signal, dass wir als jüdische Jugendliche da sind. Die Enttäuschung war enorm, als Anfang März 2020 die Jewro abgesagt wurde. Die Covid-19-Pandemie hatte uns, wie so vielen anderen, die Party vermasselt.

Trost per Video

Darauf folgte tagelange Fassungslosigkeit. Aus allen Städten wurden Videos weinender Kinder hin und her geschickt, Reden gehalten, Versprechen gemacht, doch nichts kann die entstandene Leere füllen. Wir klickten uns zum Trost durch die Videos der letzten Jahre. Wir alle fragen uns, welche Auswirkungen die Absage der Jewrovision auf die jüdische Gemeinschaft haben wird. Denn letzendlich hält unsere Tradition uns zusammen und macht uns stärker.

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Dieser Text ist Teil der q.rage Nr. 13, des Schüler*innen-Magazins von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage. Bestellen oder kostenfrei herunterladen könnt Ihr die q.rage hier.

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