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Es reicht! – Wutbrief eines Deutschkurden

Wie fühlt sich das an, wenn Nationalismus bis ins Klassenzimmer reicht? Ein junger Deutschkurde aus Bremen klagt über die Hetze türkischer Nationalisten im schulischen Alltag.

Hakki (18) für Q-rage!

Meine Schule hat eine „AG Schule ohne Rassismus“. Dort setzen wir uns seit Jahren gegen Rassismus ein. Ich bin vor kurzem aus dieser AG ausgetreten, weil einige der Schüler, mit denen ich mich dort engagiere, sich wie türkische Nationalisten aufführen. Sie hetzen auf dem Schulhof gegen Kurden, gegen Armenier und gegen alle, die sich für die Minderheiten in der Türkei einsetzen.

Ich frage mich, wie können sich Schüler*innen, die sich für Demokratie, Freiheit und Frieden einsetzen, so äußern? Woher kommt dieser nationalistische Mist in deren Köpfen? Werden meine Mitschüler*innen von den Eltern indoktriniert, von den türkisch-nationalistischen Medien, die jeden Kurden, der die Türkei kritisiert, als „Terroristen“ bezeichnen?

Hakkis Geschichte

Ihr meint, ich reagiere zu empfindlich? Wenn ihr wissen wollt, warum, dann hört meine Geschichte:

Es ist das Jahr 1993 – ich bin noch nicht geboren. Meine Eltern leben im Südosten der Türkei – von vielen Kurden auch Nordkurdistan genannt. Das türkische Militär kämpft gegen die PKK, die kurdische Untergrundorganisation. Diese militärischen Auseinandersetzungen kosteten bereits Zehntausende Menschen das Leben und verwüsteten die Heimat meiner Familie. Dörfer werden niedergebrannt, Menschen verhaftet und gefoltert. Meine Eltern fliehen. Auf der Flucht wird meine älteste Schwester geboren. Viermal versuchen meine Eltern in Deutschland Asyl zu erhalten. Dreimal werden sie wieder in die Türkei abgeschoben. In das Land, in dem Kurden diskriminiert, verfolgt und bisweilen auch getötet werden.

Seit über 20 Jahren leben meine Eltern nun in Deutschland – in Frieden. Hier wurde ich vor achtzehn Jahren in einem Flüchtlingswohnheim geboren. Hier möchte ich leben. Aber zur Ruhe komme ich nicht. Denn der nationalistische Hass, der Leid über meine Eltern brachte und sie aus ihrer Heimat vertrieb, holt auch mich in Deutschland immer wieder ein.

Nationalistische Parolen

„Ne mutlu Türkum diyene“ – „Glücklich derjenige, der sich als Türke bezeichnet“ hallt es durch die Schule. Und das mitten in Bremen. Türkischstämmige Mitschüler skandieren eine Parole, die in der Türkei – auch in Schulen – allgegenwärtig ist. Wisst ihr eigentlich, was ihr da ruft? Für mich ist das eine nationalistische Parole, weil sie andere ausschließt und diskriminiert: die Kurden, Armenier, Griechen und andere Minderheiten in der Türkei. Sie verletzt mich. Warum macht ihr gemeinsame Sache mit türkischen Ultranationalisten, die sich „Osmanen“, „Atatürken“ oder „Graue Wölfe“ nennen? Warum findet ihr die toll? Was habt ihr mit jenen zu schaffen, die auf eine gewalttätige Geschichte stolz sind? Die leugnen, dass bei der Gründung der türkischen Republik Kurden unterdrückt und Massaker an ihnen verübt wurden. Die Jahrzehnte die kurdische Sprache, Kultur und Identität verboten haben; geleugnet haben, dass es Kurden überhaupt gibt. Darauf seid ihr stolz und beklagt euch im gleichen Atemzug über deutsche Nationalisten, die euch in Bremen und anderswo diskriminieren? Wie verlogen ist das denn? Es gäbe so viel über Unrecht und Gewalt zwischen Türken und Kurden zu erzählen, aber ich befürchte, ich erreiche
euch nicht, euren Verstand nicht, eure Herzen nicht.

Als der türkische Präsident Erdoğan Friedensverhandlungen mit der PKK aufgenommen hatte und den Kurden die Gleichstellung versprach, die Benutzung der kurdischen Sprache in Schulen und mehr Selbstbestimmung, da wart ihr aufgebracht. Wütend. Aggressiv. „Das ist unser Land!“, habt ihr gerufen. Nun wird wieder gekämpft. Wieder sterben Menschen. Seid ihr jetzt zufrieden? Seid ihr jetzt glücklicher? Ich bin es nicht. Ich bin enttäuscht – auch von meiner Regierung in Deutschland. Damit Erdoğan für die EU die Grenze gegen Flüchtlinge sichert, hält Europa den Mund. Sind jetzt all die vielen Toten vergessen? Êdî bese! Es reicht!

 

Kurden

Allgemeines
Nach Arabern, Türken und Persern sind die Kurden die viertgrößte ethnische Gruppe im Nahen Osten. Ihr traditionelles Siedlungsgebiet erstreckt sich vom Südosten der Türkei über Teile des Irans, des Iraks und Syriens. Die Region wird historisch als Kurdistan bezeichnet, damit ist es aber kein international anerkannter Staat mit fest umrissenen Grenzen. Seit dem Ende des Osmanischen Reichs kämpfen viele Kurden für einen unabhängigen Staat. Oder zumindest für die Anerkennung ihrer kulturellen Rechte, die nicht überall garantiert sind. Im Norden des Iraks gibt es mittlerweile eine selbstverwaltete autonome Region Kurdistan. Diese kommt dem Traum der Kurden von einem eigenen Staat am nächsten.

Zahlen
Weltweit wird die Zahl der Kurden auf etwa 30 Millionen geschätzt. Von ihnen leben 17 Millionen in der Türkei, der Rest verteilt sich auf die angrenzenden Länder. Mittlerweile lebt etwa eine Million Kurden in Deutschland. Die meisten stammen aus der Türkei. Sie werden aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit oft als Syrer, Türken, Iraker oder Iraner wahrgenommen. Der Rapper Haftbefehl und die Sängerin Helly Luv haben kurdische Wurzeln.

Religion
Die meisten Kurden sind sunnitische Muslime. Daneben gibt es unter ihnen religiöse Minderheiten wie Aleviten oder Jesiden. Es gibt auch christliche oder jüdische Kurden.

Sprachen
Es gibt keine einheitliche kurdische Sprache, sondern verschiedene Dialekte. Das sogenannte Kurmandschi ist davon am weitesten verbreitet.

Kultur
Auch wenn die Kurden weder durch eine Religion noch durch eine gemeinsame Sprache zusammengehalten werden, fühlen sich viele durch ihre Herkunft und Traditionen miteinander verbunden. Die wichtigste davon ist das kurdische Neujahrs- und Frühlingsfest Newroz, das jedes Jahr am 20. oder 21. März von Kurden in aller Welt begangen wird. Viele andere Kulturen im Nahen Osten feiern dieses Fest zu Frühlingsbeginn ebenfalls. Für viele Kurden symbolisiert das Newroz-Fest auch den Widerstand gegen Unterdrückung.

Die PKK
Die Untergrundorganisation kämpft seit 1984 politisch und mit Waffengewalt für politische Autonomie kurdisch besiedelter Gebiete in der Türkei. Die PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) verübte dafür auch Anschläge auf militärische und zivile Ziele. Sie wird deshalb von der Türkei, der EU, den USA und von Deutschland als terroristische Vereinigung eingestuft. Der Konflikt hat allein in den 1990er-Jahren auf beiden Seiten tausende Todesopfer gefordert. Millionen Menschen wurden aus der Region vertrieben. Nach einer Phase der Annäherung und einem Friedensprozess spitzt sich der Konflikt inzwischen wieder zu.

HDP
Die HDP (Demokratische Partei der Völker) ist gegenwärtig die politische Partei, die sich in der Türkei am stärksten für die Rechte der kurdischen Minderheit einsetzt. Sie wurde 2012 gegründet und ist eine moderne, demokratische Partei. Bei den letzten Parlamentswahlen in der Türkei im Jahr 2015 erzielte sie über 13 Prozent der Stimmen. Viele führende Parteimitglieder wurden seitdem inhaftiert.

Jasmin (17) für Q-rage!

Erstveröffentlichung: Q-rage! 2016/17

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