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Frauen auf hoher See

Carla hat zwei Frauen getroffen, die in der Seefahrt arbeiten. Sie sprechen über das Leben an Board und über Rollenvorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit.

Carla, 17

Bei der Berufswahl sollte das Geschlecht keine Rolle spielen. Für viele Berufsanfänger:innen ist es dennoch schwer, akzeptiert zu werden, wenn sie nicht den gängigen Klischees entsprechen. Unsere Autorin hat sich umgehört, wie das für Frauen in der Seefahrt aussieht.

„Niemand fragt mich nach den tollen Momenten auf See“, sagt Alice. „Alle Frauen sagen immer nur, sie könnten das nicht“. Vor vielen Jahren hat sie eine Ausbildung als Schiffsmechanikerin gemacht und drei Jahre an Bord gearbeitet. Sie war die einzige Frau in der Besatzung. Sie erinnert sich meist gern zurück: „Einmal waren wir in Finnland an Weihnachten und konnten am Hafen nicht ausladen. Da haben wir tagelang Karaoke gesungen. Das war total schön“. Rückblickend sagt sie über ihre Zeit als Seefrau: „Auf dem Schiff zu arbeiten, ist ein tolles Gefühl“.

So geht es nicht allen, hat Marie Grasmeier im Rahmen ihrer Promotion an der Uni Bremen herausgefunden. Sie hat sich unter anderem damit beschäftigt, was das Arbeiten auf einem Schiff für Frauen bedeutet. Die meisten Seefrauen, die sie für ihr Forschungsprojekt interviewt hat, berichten von Ungleichbehandlungen und Schwierigkeiten in ihren Jobs. Ist eine Frau geschickter, bekommen männliche Kollegen oft zu hören, „mach‘ das mal besser (…) she is only a girl“.

Zusammenfassend stellt Grasmeier fest: „Es gibt unter Seeleuten einen frauenfeindlichen Diskurs“. Erwachsene Kolleginnen werden von Vorgesetzten mit „Mädchen“ angesprochen. Eine Befragte kommt zum Schluss: „Frausein ist ein Handicap in dem Beruf“.

Alice ging es anders. Sie spricht ruhig und mit Bedacht. Ihr Interesse für Technik wurde durch eine lesbisch-feministische Gruppe geweckt. Viele Frauen aus ihrem Umfeld begannen Tätigkeiten „mit Bau und Technik“. „Da dachte ich, das mach ich auch.“ So kam sie nach Cuxhaven. Trotz der anstrengenden Arbeitszeiten gefiel es ihr dort. Seeleute arbeiten mindestens drei Monate am Stück auf dem Schiff. Danach haben sie drei Monate frei – wenn sie Glück haben. Vor allem das Schweißen musste Alice beherrschen, um „an Bord alles provisorisch reparieren zu können.“

Überzogene Männlichkeit

Ihre männlichen Mentoren haben sie „total unterstützt“. Manchmal wurde sie von Kollegen aufgefordert: „Du bist ja eine Frau, gerade du darfst nicht aufhören, zur See zu fahren“. „Ich habe genauso das Recht, aufzuhören, wie alle anderen auch“, findet Alice, die mittlerweile in der Kundenberatung eines Möbelhauses arbeitet. Nicht weil sie eine Frau ist, sondern weil ihre Talente nie in der Seefahrt lagen, wie sie betont.

Auch Marie Grasmeier hat sich beruflich umorientiert. Sie verbrachte nach einem Nautik-Studium einige Zeit an Bord, bevor sie sich den Kulturwissenschaften zuwandte. Während ihres ersten Studiums fiel ein Professor bei unbequemen Fragen von Studentinnen selbst mit sexistischen Aussagen auf: „Wenn Gott gewollt hätte, dass ihr zur See fahrt, dann hätte er das Meer rosa gestrichen“.

Kein Mensch widersprach solchen Aussagen. Warum? „Weil es so selbstverständlich war, dass Frauen schon im Studium diskriminiert wurden”, vermutet Marie Grasmeier.

Vielleicht aber auch, weil es eine Vorstellung gibt, wie Seeleute zu sein haben. Sie müssen stark sein „und alles alleine machen“, berichtet Grasmeier. Diese Vorstellung hat auch dazu geführt, dass „Frauen sich nicht trauen, dem zu widersprechen“ – aus Angst, als ungeeignet zu gelten.

Überzogene Rollenvorstellungen von Männlichkeit hat auch Alice erlebt: „Männer auf See sagen nicht, ‚Ich bin seekrank‘. Die haben gelernt, das zu überspielen. Obwohl sie genauso seekrank sind, wie alle anderen auch“. Diese Einstellung findet Alice belastend. Sie findet jedoch auch: „Viele Frauen glauben nur, dass sie immer 110% geben müssen. Damit machen sie sich total Druck“. Ihrer Ansicht nach sehen zahlreiche Frauen auch dort Benachteiligungen aufgrund ihres Geschlechts, wo es eigentlich gar keine gibt. Alice blickt positiv in die Zukunft. Sie weiß, auch als Seefrau kann man Erfolg haben. „Es gibt eine Entwicklung, dass alle das machen können, was sie wollen. Sie ist langsam, aber es gibt sie“.

Marie Grasmeier erzählt von einer Kapitänin, die grundsätzlich kontert: „Was wollt ihr eigentlich? Ich bin hier Seemann!“, wenn sie auf ihre Rolle als Frau auf See angesprochen wird. Einige der Interviewpartnerinnen glauben, anerkannt zu werden, wenn sie sich „wie ein Mann“ benehmen. Um vollständig akzeptiert zu werden, müssten sie jedoch viel mehr leisten als ihre männlichen Kollegen.

Ein strukturelles Problem bleibt: „Seefrauen sind die große Ausnahme“, weiß Grasmeier. Vielleicht, weil sie sich in einem männerdominierten Umfeld unwohl fühlen und weil es zu wenig weibliche Vorbilder gibt. Bisher sind Frauen oft allein in einer ansonsten männlichen Besatzung. Mit mehr Frauen innerhalb der Crew könnten sich diese bei Schwierigkeiten einfacher solidarisieren.

In den letzten Jahren haben sich mehr Frauen dazu entschieden, eine nautische Ausbildung zu beginnen. An der Hochschule Bremen beispielsweise liegt der Frauenanteil in der Nautik bei bereits 15%, deutlich mehr als vor zehn Jahren. In der Ausbildung sei es jetzt wichtig, Frauenfeindlichkeit auf See zu thematisieren, findet Marie Grasmeier: „Die Lehrenden müssen geschult werden, damit auch die Studierenden ein Bewusstsein entwickeln“.

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Dieser Text ist Teil der q.rage Nr. 13, des Schüler*innen-Magazins von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage. Bestellen oder kostenfrei herunterladen könnt Ihr die q.rage hier.

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