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Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jan Woitas

Halle – Der Tag danach

Am 9. Oktober 2019 starben in Halle Jana L. und Kevin S. durch die Schüsse eines Attentäters, der zuvor versucht hatte, in die Hallenser Synagoge einzudringen. Dort feierten Jüdinnen und Juden Jom Kippur, den Tag der Versöhnung. Am Tag darauf notierte unsere Autorin, die Anwohnerin der Synagoge ist, was sie erlebt hat.

Lotte (17)

Ich liege im Bett, gucke „Gilmore Girls“ und höre einen Knall. Ich schaue aus dem Fenster, mache meiner Freundin ein Audio. Noch denke ich mir nichts dabei. Doch es knallt weiter. Ich renne ins Wohnzimmer, von dort aus hat man den besten Blick auf die Straße.

Das, was ich dort sehe, kann ich jetzt, 36 Stunden später, immer noch nicht begreifen. Die Erinnerungen verschwimmen. Und noch ein Knall. Ich sehe einen Menschen, der wie ein Irrer herumrennt und gegen die Tür der Synagoge tritt. Ich sehe, dass er einer Frau in den Rücken schießt. Weinend und schreiend laufe ich durch die Wohnung. Der Täter steigt in sein Auto und biegt in die Schillerstraße ab. Wie ein Roboter öffne ich die Kamera meines Telefons und fotografiere das Auto, um später das Kennzeichen zu erkennen.

Angst und Ungewissheit

Ich schaue mich um. In den Gesichtern an den Fenstern: Angst und Ungewissheit. In den nächsten Stunden kommen einige Polizisten in unsere Wohnung. Sie nehmen auch mein Handy mit, um die Bilder des Autos zu sichern. Mein Vater darf nach einigen Stunden dann auch endlich in unsere Wohnung. Ich bin froh, ihn in meine Arme schließen zu können. In der Nacht schlafe ich bei ihm. Ich wache am nächsten Morgen auf und bin erstaunt, wie gut ich einschlafen konnte. Das erste, was ich tue, ist aus dem Fenster zu schauen. Das war kein Traum.

Mama und Papa haben sich frei genommen und wir gehen zusammen zur Mahnwache an der Synagoge. Dort treffe ich einige meiner Freunde. Sie geben mir viel Kraft. Der Gehweg füllt sich mit Kerzen und Blumen und es kommen immer mehr Reporter und Kamerateams. Die Polizei sperrt den Gehweg ab. Wir sollen unsere „Versammlung“, wie sie der Polizist nennt, auf den Bereich vor der Kreuzung verschieben. Der Grund sind die Politiker und deren Personenschutz. Mich macht das wütend. Hätten sie nur die Kosten für diesen Einsatz in einen Polizeiwagen vor der Synagoge am höchsten Feiertag der Juden gesteckt, vielleicht wäre das alles nicht passiert. Aber ich will gar nicht darüber nachdenken, auch wenn es mir schwerfällt.

Hoffnung und Zusammenhalt

Wenige Stunden später bin ich auf dem Weg zur Gedenkveranstaltung auf dem Marktplatz. Wir holen Blumensträuße und Kerzen. Unausgesprochene Wut und Trauer umwehen uns. Auf dem Marktplatz angekommen, treffen wir auf viele Bekannte. Großartige Worte werden gesagt und ich verspüre für einen kurzen Moment Hoffnung. Nie zuvor habe ich so einen Zusammenhalt erlebt.

Vom Marktplatz aus geht es zur Pauluskirche. Ich habe wieder ein mulmiges Gefühl, jedoch bin ich der Meinung, es sei die richtige Entscheidung, weiter zu machen, unter Menschen zu bleiben und nicht nach Hause zu gehen.

An der Kirche angekommen, ist schon der ganze Berg mit Menschen gefüllt und wir kommen auch nicht mehr in die Kirche hinein. Wir verbringen draußen einige ruhige Minuten, in denen wir gedenken können. Aber auch dort sind wieder viele Reporter. Ich rege mich über sie auf, spreche einen der Fotografen an, die an diesem Ort Unruhe verursachen. Er ignoriert mich und ich habe keine Kraft mehr, mich weiter aufzuregen. Nach der Andacht stehen auf einmal meine Großeltern vor mir. Bis gestern waren sie auf Zypern und ich hatte nicht damit gerechnet, sie hier zu sehen. Ich breche in Tränen aus.

Friedenslieder und Tränen

Ich halte sie lange in meinen Armen, und sehe meinen Opa das erste Mal weinen. Noch nie zuvor war ich dankbarer für meine Familie. Dank, aber auch Stolz verspüre ich aber gerade auch meinen Freunden gegenüber. Wir sind füreinander da. Jeder unterstützt jeden. Ich habe das Gefühl, dass uns das alles, so schrecklich es ist, ein Stück zusammengebracht hat. Das Gefühl auf dem Schweigeweg zur Synagoge und zum Dönerladen ist unbeschreiblich. Die ganze Humboldtstraße ist voll. Überall kleine Lichter, ein Meer voller Hoffnung. Leise Friedenslieder erklingen, auch ich stimme mit ein. Die Hand meiner Oma lasse ich erst los, als wir an der Synagoge ankommen und unsere Kerzen und Blumen ablegen.

Vor dem Dönerladen sind Freunde von Kevin S. Er war Fußballfan. Den Angehörigen sind Trauer und Verzweiflung ins Gesicht geschrieben und sie sagen ,,Nichts ist los ohne Kevin‘‘. Sie weinen. Auch ich fange wieder an. Über die Tat an sich kann ich noch nicht nachdenken. Ein Warnsignal war das sicher nicht. Dafür ist es zu spät. Dieses Ereignis ist das Ergebnis von vielen, viel zu vielen Warnsignalen auf dieser Welt in den letzten Jahren und Jahrzehnten.

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Dieser Text ist Teil der q.rage Nr. 13, des Schüler*innen-Magazins von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage. Bestellen oder kostenfrei herunterladen könnt Ihr die q.rage hier.

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