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Zwei Mädchen mit Handys
Foto: picture alliance / Westend61 | Julio Rodriguez

Ich bin ein Opfer der Zahlen. Du aber auch!

Die sozialen Medien verwandeln unsere menschlichen Beziehungen in ein mathematisches Summenspiel. Was macht das mit uns?

Marlen (15)

Hallo, ich heiße Marlen und ich habe 136 Follower auf meinem Instagram-Account. Der Freund meiner Mutter hat 11.
Meine Freundin hat 514 und ein Kumpel von mir sogar 900.
Das sind große Unterschiede, oder?

Zahlen sind erst einmal nur das: Zahlen. Die meisten, die das Wort „Zahlen“ hören, denken natürlich an das allseits beliebte Schulfach Mathematik. Auch ein Datum besteht aus Zahlen, der Preis deiner neuen Hose oder die Noten, die du in der Schule bekommst. Nahezu überall spielen Zahlen eine große Rolle, aber eine ganz spezielle auf den Social-Media-Plattformen. Denn dort werden die Anzahl der Follower und die Likes gezählt. Diese Zahlen sind aber nicht mehr nur Zahlen. Es sind Zahlen, die gefährlich werden können, denn sie haben die Macht, ein Leben zu bestimmen und sogar zu verändern.

Zahlen bestimmen generell unser Leben mehr als uns lieb sein kann. Die Anzahl der Kilogramm, in der das Gewicht eines Menschen gemessen wird, kann ins Verhältnis zur Körpergröße, wieder eine Zahl, gesetzt werden, und heraus kommt der Body-Maß-Index, an dem abzulesen ist, ob die Gesellschaft jemanden als zu dick beurteilt, der dann ganz genau die Kalorien zählen muss, die er zu sich nehmen darf. Auch die Menge Geld, die jemand besitzt, wird in Zahlen angegeben. Man muss genug Geld haben und dies auch zeigen, darf aber auch nicht damit herumprahlen.

Es gibt also allerhand zu zählen im Leben. Und diese Zahlen können sogar neue Freundschaften schaffen – und wieder zerstören. Auf den sozialen Medien gibt es viele, die verzweifelt versuchen, eine größere Reichweite zu bekommen. Also schreiben sie andere Profile an, tun so, als ob sie gute Freunde wären, ignorieren ihre neuen Freunde aber, sobald sie genügend neue Follower haben.

Noch schlimmer: Es gibt Menschen, die durch diese Zahlen verunsichert werden. Vielleicht wäre jemand ja mit 20 Likes für einen Post zufrieden, sieht aber dann, dass ein*e Freund*in doppelt so viele Likes und auch noch ein paar freundliche Kommentare hat – und ist enttäuscht. Bei einer Umfrage in meinem Bekanntenkreis konnte ich das – natürlich nicht repräsentative – Ergebnis ermitteln, dass ungefähr die Hälfte unzufrieden ist mit der Anzahl ihrer Likes auf Instagram, die andere Hälfte aber zufrieden. Solche Zahlen lösen Gefühle aus: Einen Moment lang freue ich mich über vier oder fünf neue Likes, aber das vergeht schnell, wenn ich sehe, dass ein Freund von mir schon 300 hat.

Social Media – Ersatz für das echte Leben?

Natürlich kann diese Form von Beachtung auch etwas positives haben. Man kann Akzeptanz plötzlich messen. Wenn man etwas auf Instagram, Snapchat, Twitter oder Facebook hochlädt und es wird geliked oder positiv kommentiert, dann bekommt man das Gefühl, man selbst werde gemocht und wertgeschätzt. Man glaubt, andere Menschen seien interessiert am deinem Leben.

Aber, höre ich jetzt jemanden sagen: Das ist doch kein Ersatz für das eigentliche Leben? So etwas sagen allerdings nur Menschen, die älter als 20 Jahre sind und nur ungefähr eine Stunde am Tag auf Social-Media-Plattformen verbringen. Menschen unter 20 sind wesentlich länger online, für sie sind soziale Medien der Ort, an dem ihr Sozialleben zu wesentlichen Teilen stattfindet.

Auch hierzu habe ich Klassenkameraden und Menschen auf der Straße befragt. Manche meinten, sie nutzen Social Media nur als Zeitvertreib und sie könnten auch ein Leben ohne Social Media führen. Andere suchen aber nicht nur Outfit-Tips, sondern haben online auch Freunde gefunden, mit denen sie nur über das Internet in Kontakt bleiben können, weil sie weiter weg wohnen. Wieder andere orientieren sich am Lifestyle bestimmter Influencer und versuchen an deren Leben teilzuhaben. Das kann auch ins Negative umschlagen, wenn sich jemand durch die Standards, die die Influencer mit ihren Hunderttausenden von Followern setzen, unzureichend fühlen.

Hatespeech und Cyber-Mobbing

Die Zahlen, die die sozialen Medien setzen, können sogar zu Cyber-Mobbing und Hatespeech führen. Du hast nicht genug Follower und bekommst keine Kommentare? Pech, dann kannst du auch nicht mit uns online abhängen. Der nächste Schritt könnte dann sein: Warum postest du überhaupt Bilder von dir, du bist doch hässlich? Dann beginnt ein Teufelskreis: Man wird verunsichert und die Zahlen werden noch wichtiger, weil sie einem Bestätigung geben, aber wenn die Likes und Follower nicht mehr werden, zweifelt man noch mehr an sich.

Diese Art von Cyber-Mobbing und Hatespeech ist stark verbreitet. Einer aktuellen Studie zufolge halten es zwei Drittel der Jugendlichen für normal, auf Internet-Plattformen beleidigt und beschimpft zu werden. Das wiederum führt auch dazu, dass ungefähr 40 Prozent der Jugendlichen nicht ihre Meinung zu bestimmten Themen äußern möchten. Das ist natürlich eine Gefahr für unsere demokratische Gesellschaft, wenn im Internet, dem wichtigsten Raum des Austausches für junge Menschen, diese jungen Menschen politisch verstummen.

Das Internet ist Segen und Fluch zugleich. Auf der einen Seite ist es praktisch und auch inspirierend, aber auf der anderen Seite nehmen Beleidigungen, falsche Informationen, Gruppendruck oder Überforderung zu. Nicht nur ich habe das Gefühl, von Zahlen bestimmt zu sein, sondern auch viele andere. Ich bin nicht die einzige, die sich von den sozialen Netzwerken unter Druck gesetzt fühlt. Ich bin nicht die einzige, die schlechte Erfahrungen mit dem Internet gemacht hat. Ich bin nicht die einzige, der das ständige Am-Handy-sein nicht gut tut.

Das hat auch mit den Zahlen zu tun. Vielleicht muss meine Generation erst wieder lernen, dass Zahlen nicht so wichtig sind, wie wir glauben. Dass man auch ohne Hunderte von Likes leben kann, und dass auch jemand, der keine Million Follower hat, etwas zu sagen hat. Wir sollten etwas ändern, denn so, wie es jetzt ist, kann es nicht weiter gehen. Es sind doch nur Zahlen, verdammte Zahlen, die uns im Matheunterricht ankotzen. Warum sind uns diese Zahlen dann ausgerechnet dann so wichtig, wenn wir keine Schulnoten dafür bekommen?

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