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(c) dpa

Jugendliche Protestbewegung

Nach Jahren, in denen vor allem die rechtsextreme Szene unter Jugendlichen rekrutierte, haben seit einigen Jahren auch salafistische Gruppen immer mehr Zulauf. Sie werben für eine radikale Interpretation des Islam; im Extremfall gehen radikalisierte Jugendliche nach Syrien oder in den Irak und foltern und töten Menschen. Kitab in Bremen ist eine der wenigen Beratungsstellen, die sich auf diese Gruppe spezialisiert hat. Dort sprachen Q-rage!-RedakteurInnen mit der Soziologin Berna Kurnaz (33).

Das Interview führten Lara (16) und Hakki (17) für Q-rage!

Q-rage!: Wer meldet sich bei Ihnen?

Berna Kurnaz: Häufig rufen besorgte Mütter an; aber auch Geschwister, Freunde oder professionell mit Jugendlichen befasste Personen – Lehrer oder Sozialarbeiter. Es kann auch mal sein, dass sich die Polizei an Kitab wendet.

Wie groß ist der Zulauf junger Menschen in die salafistische Szene?

In konkrete Zahlen lässt sich das nicht fassen. Fest steht: Salafismus ist europaweit die am schnellsten wachsende Jugendbewegung. Von ihr angezogen werden vor allem Jugendliche zwischen 14 und 20 Jahren, die übrigens aus ganz verschiedenen Familien stammen: Mit und ohne Migrationshintergrund, bereits muslimische wie auch noch nicht muslimische Heranwachsende. Auch sind die Jugendlichen nicht alle sozial benachteiligt.

Mit welchen Versprechen werden sie geködert?

Viele kennen Muslimfeindlichkeit, Ausgrenzung und Diskriminierung. Salafisten versuchen sie damit zu locken, dass sie jemand besonderes sein können; Teil einer Elite. Den Jugendlichen wird die Vorstellung vermittelt, eine Gemeinschaft glaubenstreuer Muslime könne die Welt verbessern. Wer die Welt in schwarz und weiß, Gut und Böse, Gläubige und Ungläubige einteilt, hat zudem weit weniger Probleme mit seiner Selbstverortung.

Werden nur Jungs angeworben oder auch Mädchen?

Wir nehmen es so wahr, dass sich ein Gleichgewicht eingependelt hat – auch wenn Statistiken die Zahl der Männer höher schätzen. Mädchen sind in der öffentlichen Wahrnehmung weniger präsent. Sie bewegen sich eher in sozialen Netzwerken und unter Freunden, gehen seltener auf Demonstrationen. Aber auch für junge Frauen sind bestimmte Strömungen des Salafismus anziehend. Sie wenden sich gegen die sexualisierte Darstellung von Frauen und sehen sich in der Rolle der sorgenden Mutter einer muslimischen Familie.

Gibt es „Brennpunkte“ mit besonders vielen Salafisten?

Jedenfalls gibt es Orte, an denen salafistische Bewegungen besonders sichtbar werden. Bremen gehört dazu, ebenso Hamburg; bundesweit schätzen Sicherheitsbehörden Nordrhein-Westfalen als Brennpunkt ein. Ein zentraler Brennpunkt, wenn man ihn so nennen möchte ist aber vor allem das Internet. In sozialen Netzwerken, aber auch über Videoplattformen wie Youtube werden unheimlich viele Jugendliche erreicht.

Was können Schulen tun, um Jugendliche  zu stärken, dass sie nicht extrem werden?

Zunächst ist wichtig, das Phänomen als das wahrzunehmen, was es ist: Eine dynamische Jugendprotestbewegung, ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Die Schule ist der zentrale Ort von Prävention. Man muss sich also die Frage stellen: Was gibt es eigentlich für demokratiefördernde Programme? Reicht das, um eine feste und wehrhafte Identität zu entwickeln? Die Schulen können auch Unterschiede zwischen Islam und Islamismus erörtern, die grundlegenden und gemeinsamen Gedanken von Islam, Christentum und Judentum verdeutlichen, Projekte gegen Antisemitismus oder Homophobie initiieren. Ein Fokus sollte auf den Gemeinsamkeiten und den versöhnlichen Elementen liegen.

Wie erkennt man, dass Jugendliche sich radikalisieren?

Jedenfalls nicht daran, dass junge Menschen sich selbstbewusst auf ihre Religiosität besinnen, in die Moschee gehen oder ein Kopftuch tragen. Erst wenn Äußerungen auftauchen, die Freiheiten anderer einschränken, Nicht- und Andersgläubige abwerten, deutlich demokratiefeindliche Haltungen oder Gewaltbereitschaft signalisieren, sprechen wir von einer zunehmend radikalen Grundhaltung. Auch ein stark islamisierter Sprachgebrauch oder eine Ablehnung instrumentell unterlegter Musik können Anzeichen sein.

Salafismus

Für Salafisten gilt eine Gesellschaft, wie sie der Prophet Mohammed im saudi-arabischen Medina im 7. Jahrhundert anführte, als Idealzustand. Salafisten glauben also nicht an technologischen oder gesellschaftlichen Fortschritt. Salafisten gliedern sich in verschiedene Unterströmungen. Politische Salafisten wirken aktiv an der Umwandlung der Gesellschaft mit. Den sogenannten Quietisten geht es allein um Religion. Die radikalen, gewaltbereiten Salafisten – die kleinste Gruppe – werden auch als dschihadistische Strömung bezeichnet.

Erstveröffentlichung: Q-rage! 2015/16

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