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Foto: privat

Learn for your right to party!

Wenn der wichtigste Tag im religiösen Leben in einem Lockdown stattfinden muss. Unser Autor erinnert sich an seine Bar-Mizwa unter Corona-Bedingungen.

Leon (15)

Schon als Kind habe ich von meiner Bar-Mizwa geträumt. Ich sah mich bei der Zeremonie, in der ich im Sinne des jüdischen Religionsgesetzes volljährig würde, sah mich schon am Pult in der Synagoge meine Rede halten. Ich freute mich auf die Feier mit Familien und Bekannten, darauf, dass wir alle bis in die späten Stunden tanzen und Party machen würden.

Doch vor der großen Feier stand für mich erst einmal Lernen an. Am Tag der Bar-Mizwa, was übersetzt „Sohn des Gebots“ heißt, wird man zum ersten Mal im Leben mit seinem Namen in die Mitte der Synagoge zur Tora gerufen, um die Segenssprüche auf die Tora und einen Abschnitt aus der Tora vorzutragen. Mein Tora-Abschnitt, der mir aufgrund meines Geburtstags zugewiesen wurde, heißt „Bereshit“ („Am Anfang“) und erzählt von der Erschaffung der Welt und die Geschichte von Adam und Eva. Doch ich konnte in der Synagoge keine Übersetzung vortragen, sondern den hebräischen Tora-Text. Da ich zwar das hebräische Alphabet kenne, aber keine Texte lesen kann, war dies eine echte Herausforderung. Ich musste den Tora-Abschnitt zum Vortragen auswendig lernen.

Die Bar-Mizwa ist eine der wichtigsten Stationen im Judentum für einen Jungen

Dafür lernte ich extra mit einem Bar-Mizwa-Lehrer Woche für Woche von Beginn des Jahres 2020 an. Auch als im März der Corona-Lockdown kam, lernten wir mit Maske und Sicherheitsabstand oder auch online weiter, um mich auf meinen großen Tag vorzubereiten. Trotz Pandemie und der damit verbundenen Unsicherheit lernte ich mit dem einen Ziel: Am 17. Oktober 2020 wollte ich auf jeden Fall meine Bar-Mizwa feiern.

Denn die Bar-Mizwa ist eine der wichtigsten Stationen im Judentum für einen Jungen, der damit alle religiösen Rechte und Pflichten eines Mitglieds der jüdischen Gemeinschaft übernimmt. Ähnlich wie bei einer christlichen Konfirmation gilt man nach der Zeremonie als erwachsenes Mitglied der Gemeinde. Ich freute mich sehr auf diese neue Etappe in meinem Leben – und als ich zur Tora aufgerufen wurde, war mir klar, dass sich die Monate des Lernens gelohnt

Die Monate vergingen, endlich war mein großer Tag gekommen. Doch Corona gab es immer noch, und damit verlief alles anders als geplant. Zwei Tage vor dem Termin wusste ich noch nicht einmal, ob meine Bar-Mizwa überhaupt in der Synagoge stattfinden darf. Auch die Bar-Mizwa eines Freundes hatte zuvor aufgrund des Lockdowns verschoben werden müssen. Ich beobachtete also aufgeregt die Corona-Inzidenzzahl, die immer höher wurde und immer strengere Verordnungen mit sich brachte. Aber es waren ja schon alle Vorbereitungen getroffen: Die Dekoration war gekauft, die Torte gebacken, meine Tante aus Israel angereist, und meinen Tora-Abschnitt konnte ich nach dem vielen Lernen ganz sicher vortragen.

Als ich zur Tora aufgerufen wurde, wusste ich, dass sich das Lernens gelohnt hatte

Dann kam der große Tag und erst da war klar, dass die Inzidenz es tatsächlich erlaubte, dass ich meine Bar-Mizwa feiern durfte – wenn auch nur in einem kleineren Rahmen. Statt 250 Gästen durften nur 50 kommen, statt einer großen Party gab es lediglich ein gemeinsames Mittagessen nach dem Gottesdienst.

Doch als ich zur Tora aufgerufen wurde, war mir klar, dass sich die Monate des Lernens gelohnt hatten. Ich war nun vollwertiges Mitglied der jüdischen Gemeinde, in der ich groß geworden bin, was mich wahnsinnig stolz machte. Als ich aus der Tora vorlas, hatte ich Gänsehaut, mein Puls stieg an. Aber vor allem war ich einfach nur glücklich, nun endlich Bar-Mizwa zu sein, ein „Sohn des Gebots“ – und damit sozusagen zum Club der Erwachsenen zu zählen, auch wenn mit dem Erwachsensein Pflichten verbunden sind, beispielsweise am Gottesdienst regelmäßig teilzunehmen und aktiv das Gemeindeleben mitzugestalten.

Natürlich war ich auch ein bisschen traurig, denn der Gottesdienst und das Festessen waren zwar erlaubt, aber die Party und vor allem das Tanzen, also alles, worauf ich mich vor allem gefreut hatte, mussten ausfallen. Nichtsdestotrotz überwog die Freude, diesen besonderen Tag erleben und mit meiner Familie und Freunden teilen zu dürfen. Es war auf jeden Fall der emotionalste Moment meines Lebens bislang, voller Aufregung, Freude und Stolz. Ich freue mich schon, irgendwann mal meinen EnkelInnen erzählen zu können, dass ihr Opa während einer weltweiten Pandemie seine Bar-Mizwa gefeiert hat.

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