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Chimamanda Ngozi Adichie bei der Frankfurter Buchmesse 2018
Die Autorin Chimamanda Adichie bei der Frankfurter Buchmesse 2018 Foto: picture alliance/dpa | Arne Dedert

Lest Geschichten von People of Colour!

Auch Kinder und Jugendliche sollen BIPoC-Literatur lesen, um die Welt nicht mehr nur aus einer rein weißen Perspektive sehen zu können

Lisa (18)

In ihrer Rede „Die Gefahr einer einzigen Geschichte“ erzählt die Autorin und Frauenrechtsaktivistin Chimamanda Adichie aus ihrem eigenen Leben. Sie ist fünf Jahre alt, als sie sich an Literatur versucht, eine erste Geschichte schreibt. In der essen weiße, blauäugige Kinder Äpfel. Dabei stammt Adichie aus Nigeria, sie ist eine Woman of Colour. Weiße Kinder mit blauen Augen kannte sie damals nur aus Geschichten, die sie selbst gelesen hatte. Ein Schwarzes Mädchen schreibt über weiße Kinder: Die Absurdität dieser Episode, erzählt Adichie, habe sie sehr lange gar nicht erkannt.

Die Bilder in unseren Köpfen werden geformt von den Geschichten, die wir kennen. Geschichten prägen, beeinflussen uns von Kind an. Durch Lesen bilden wir uns, lernen dazu. Ideale, Vorstellungen, Weltbilder entstehen. Meine liebste Geschichte von den vielen Geschichten, die mir als kleines Kind vorgelesen wurden, handelte von der Hexe Trixie und ihren Besen Fegerlein und Besinchen. Ich habe mir oft in der Nacht, vor dem Einschlafen vorgestellt, ich wäre Trixie. Eine kleine Hexe, natürlich weiß, die des Nachts auf ihrem Hexenbesen die Welt erkundet. Eine Welt, die auch weiß ist.

Irgendwann beginne ich selbst zu lesen. Mein Regal wächst von meinem zwölften Lebensjahr an stetig, ich verbringe immer mehr Zeit mit der Nase zwischen den raschelnden Seiten. Ich liebe Jugendromane, Abenteuer-Geschichten und später Kitsch mit verliebten Teenies. Wenn ich meinem 14-jährigen Ich heute etwas sagen könnte, dann, es sollte sich weniger damit beschäftigen, welche gut aussehenden und in der Regel weißen Charaktere sich bald in der nächsten Dreiecksbeziehung verfangen. Lieber sollte es diesen Schnulzenkram zur Seite legen und sich etwas vornehmen, das gesellschaftspolitisch relevant ist.

Aber es gab niemanden, der das meinem 14-jährigen Ich hätte sagen können. Vielleicht hätte ein Buch diese Aufgabe übernehmen können. Durch Zufall entdeckte ich in meiner liebsten Halberstädter Buchhandlung die 500 gebundenen Seiten – schön dick, genau mein damaliges Beuteschema. Auf dem sonst weißen Umschlag war ein Schwarzes Mädchen zu sehen, in der Hand ein Schild haltend mit der Aufschrift: „The Hate U Give“. Cooler Titel, dachte ich, mal was Englisches, obwohl es ins Deutsche übersetzt worden ist. Autorin: Angie Thomas – noch nie gehört, noch nie gelesen, kann man ja mal ausprobieren.

Die Geschichte handelt von einem Mädchen und ihrem Freund, beides BIPoC (Black, Indigenous and People of Color), die eines Abends von der Polizei angehalten werden. Starr, die Protagonistin, muss mitansehen, wie ihr Freund Khalil von einem Polizisten erschossen wird. „The Hate U Give“ erzählt vom Leben eines Teenagers in den USA, aber eben auch von Polizeigewalt gegen BIPoC, vom Rassismus und dessen Folgen für die Schwarze Gesellschaft.

Literatur ist nicht nur aneinander gereihte Buchstaben, Literatur besitzt Macht

Ich hatte also, ohne es zu wissen, mein erstes Buch einer Schwarzen Autorin gekauft. Gelesen aber habe ich es damals nicht, das Thema Rassismus ist noch weit weg von meinem eigenen Teenie-Leben. Ich habe das Buch ins Regal gestellt neben all die anderen Bücher von weißen Autor*innen. Dort stand es bis vor kurzem und staubte ein. Aber einige Jahre, ein paar gute Podcastfolgen, Zeitungsartikel, Instagram-Profile und sehr viel Aufklärung später fragt sich mein heutiges Ich: Was wäre geschehen, hätte ich „The Hate U Give“ damals mit 14 Jahren schon gelesen? Wie hätte mich eine solche Leseerfahrung verändert? Hätte ich mich viel früher sensibilisieren lassen und wäre verantwortungsvoller mit dem Thema umgegangen? Oder wäre ich zu jung gewesen, hätte ich das Buch nur als eine weitere New-Adult-Erzählung gelesen und die komplexen Hintergründe gar nicht verstanden?

Im Fach Deutsch haben wir uns vor einigen Monaten mit der Bedeutung von Literatur beschäftigt. Ich habe gelernt, dass Literatur Macht besitzt, auch wenn sie für viele Menschen nichts weiter ist als aneinander gereihte Buchstaben. Eine Wirkmacht, die vielleicht schwer in Worte zu fassen ist, aber, so hat es der Autor und Arzt Friedrich Wolf beschrieben, dennoch als Waffe eingesetzt werden kann. Christoph Hein, ein anderer deutscher Schriftsteller, sagt, dass die allein aufs Papier geschriebenen Worte zwar wirkungslos seien, aber sobald sie gelesen und verstanden werden, sehr mächtig werden können. So ist es natürlich auch mit den Worten, Sätzen, Büchern von BIPoC: Irgendwo, irgendwann niedergeschrieben erzielen diese Texte keine Wirkung. Aber wenn wir diese Texte lesen, dann hören wir die Menschen, die sie geschrieben haben, dann werden diese Menschen sichtbar. Wir, die Leser, sind also Teil dieses Prozesses der Sichtbarmachung, wenn wir uns von Sprache und Worten bewegen lassen. Oder, wie der österreichisch-ungarisch-britische Schriftsteller Arthur Koestler es einmal gesagt hat: „Worte sind Luft. Aber die Luft wird zu Winde, und der Wind macht die Schiffe segeln.“

BIPoc-Autor*innen sind oft weniger bekannt, weil sie nicht ins weiße Schema passen

An dieses Zitat muss ich denken, wenn ich an BIPoC denke. Denn sie erfahren nahezu täglich Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung. Ihre Arbeit wird oft weniger wertgeschätzt, nur weil sie nicht weiß sind. BIPoC-Autor*innen sind oft weniger bekannt, weil sie nicht ins weiße Schema passen. Deshalb sollte jede und jeder ganz bewusst Literatur von BIPoC lesen, ganz gleich ob Belletristik, Kinder- oder Sachbuch. Aus meiner eigenen Geschichte weiß ich: Niemand sollte Angst haben, seine Kinder an den niedergeschriebenen Erfahrungen von BIPoC teilhaben zu lassen.

Denn Aufklärung und Sensibilisierung sind unerhört wichtig, wenn wir begreifen wollen, wie Rassismus funktioniert. Und erst recht, wenn wir ihn bekämpfen wollen. Nur so können wir unsere eigenen rassistischen Muster, die wir unserer weißen Sozialisation verdanken, durchbrechen. Auch 13- oder 14-Jährige sind schon alt genug, um sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Ich wünschte, ich hätte damals schon „The Hate U Give“ gelesen.

Wir alle leben in einer gesellschaftlichen Realität, in der Menschen mit hellerer Haut automatisch Privilegierte sind. Wir Weiße sollten deshalb das tun, was wir tun können: zuhören. Niemand wird die Welt von heute auf morgen auf den Kopf stellen, aber wir können lernen – und ein bisschen zur Seite rutschen. Um Platz machen für die, die bisher nicht zu sehen waren. Um Geschichten zu hören, die aus vielen verschiedenen Perspektiven erzählt werden. Um die Welt besser zu verstehen – und sie irgendwann ein wenig besser machen zu können.

Vier Buchtipps zum Thema

Angie Thomas: „On The Come Up“
Ein Jugendroman, der ebenso wie „The Hate U Give“ von derselben Autorin das Schicksal eines Teenagers, aber auch ihr Leben als Rap-Künstlerin thematisiert. (aus dem Amerikanischen von Henriette Zeltner-Shane, CBJ random House, 18 Euro)

Lesley Nneka Arimah: „Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt“
Eine bewegende Geschichte über Familie, Liebe und Freundschaft. (aus dem Englischen von Zoë Beck, CulturBooks Verlag, 20 Euro)

Melanie Raabe: „Die Falle“
Ein sehr spannender und geheimnisvoller, aber auch blutiger Krimi. (BTB Verlag, 10 Euro)

Chimamanda Ngozi Adichie: „Americanah“
Der Roman setzt sich – angelehnt an die nigerianische Geschichte – mit Rassismus und emotionaler Bindung an Heimat auseinander. Liebesgeschichte inklusive! (aus dem Amerikanischen von Anette Grube, Fischer Taschenbuch, 14 Euro)

 

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