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Sookee, Foto: Johanna Landscheidt

Mach das, was dich glücklich macht

Sookee spricht über queer-feministischen Hip-Hop in einer männlich dominierten Szene und über das Gefühl, anders zu sein.

Das Gespräch führten Naomi, Alex und Robin.

Liebe Sookee, welches Idol war auf dem Poster in Deinem Jugendzimmer?

Sookee: Mit 16 habe ich Süd-Berliner Battle-Rap, Gangster-Rap gehört. Das hing in meinem Zimmer. Das war die Zeit um die Jahrtausendwende, wo das Ganze erst richtig anfing. Ich bin da mitgegangen, ich habe die krassen Sachen mitgerappt, die gleichen Bongs geraucht, gesoffen wie die. Der Druck, den Maßstäben gerecht zu werden, war groß. Als einziges Mädchen unter lauter Jungs zu sein, das fand ich toll. Ich habe zwar mitbekommen, wie mies die über andere Mädchen geredet haben, ich habe mich aber nicht solidarisiert. Ich wollte kein Opfer sein, wollte von denen respektiert werden, um selber nicht unter die Räder zu geraten. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mich damit zur Täterin mache und dass ich das nicht will. Das war der Moment, wo sich für mich alles verändert hat.

Wie gehst Du heute mit Anfeindungen aus der männerdominierten Hip-Hop-Szene um? 

(lacht) Ich bemühe mich, mich nicht an denen abzuarbeiten, die mich schräg finden oder ablehnen. Manchmal gebe ich denen eine Bedienungsanleitung und versuche klar zu machen, wie die Szene funktioniert. Aber es ist mir viel wichtiger, diejenigen mitzunehmen, zu supporten und zu feiern, die ähnlich ticken wie ich. Ich sitze in diesen Tagen an einer Buchveröffentlichung mit einer Genossin aus Wien zusammen, in der wir 10 Jahre queer-feministischen Rap im deutschsprachigen Raum abbilden wollen. In solche Projekte möchte ich meine Energie stecken. Ich möchte, dass im Selbstverständnis des Hip-Hop Frauen eine Selbstverständlichkeit sind und sie sich nicht immer als Aliens fühlen müssen. Wir lieben Hip-Hop und machen Hip-Hop. Was ist das Problem? Ihr macht ein Problem daraus.

Wachsende Szene

Wie reagieren andere Rapper darauf?

Die peilen das oft nicht. Die finden das total merkwürdig. Ich nehme queer-feministische Rapmusik im deutschsprachigen Raum oft wie ein Buffet wahr. Leute stehen mit ihren Tellern davor, wissen aber nicht, was sie essen sollen. Sie fragen sich: „Was ist das? Was ist das für eine Farbe? Was ist da drin? Das riecht irgendwie komisch, das habe ich noch nie gegessen. Ist das jetzt scharf? Ach nein, dann bleibe ich jetzt lieber hungrig oder ich nehme lieber eine Banane, die kenne ich.“

Inzwischen sind wir viele. Vor ein paar Jahren waren es noch zwei oder drei, heute kann ich Euch aus dem Stand 20 bis 30 Leute nennen, die im deutschsprachigen Raum Mucke machen, die ich feiere und die inhaltlich ähnlich gelagert sind, die denselben Wind im Rücken haben. Da hat sich wirklich etwas getan. Es frustriert mich vielmehr, wenn ich mich an Leuten abarbeite, als Gemeinsamkeiten mit denjenigen zu feiern, die sich gegenseitig auf die Bühne helfen. Es ist total schön, Leute auf der Bühne zu sehen, die ich vorher nur aus dem Publikum kannte. Das ist so ein befriedigendes, fast mütterliches Gefühl. Ich bin ja eine der ersten gewesen, die sich da ran getraut haben. Es freut mich total, dass die Szene so gewachsen ist. Ich liebe das.

Robin: Ich habe immer wieder dumme Kommentare zu meinen Dreadlocks bekommen und hatte ernsthaft überlegt, die abzuschneiden. Hattest Du mal den Gedanken aufzuhören?

Immer wieder. Wenn etwa Bushido den Integrations-Bambi bekommt. Er ist ein faschistoider Typ, propagiert die Unterdrückung von Frauen und Schwulen. Wie kann man ihm nur irgendetwas geben? Wie falsch ist das alles? Da lerne ich doch lieber Cello und mache eine Schreinerlehre und verlasse die Hip-Hop-Szene. Dann wird mir aber wieder klar, dass es andere gibt, die ich dann im Stich lassen würde. Es gibt immer wieder Momente, in denen ich zweifle. Es gibt einige Rapper, bei denen ich Gewaltfantasien entwickle, wenn ich nur an die denke, weil ich die so schlimm finde.

Alternative Orte

Naomi: Es gibt ja auch Frauen in der Szene, die da mitspielen. Ich habe mich mit weiblichen Rapperinnen wie SXNT beschäftigt und versucht, ihre Motive und Texte zu verstehen. Aber ich verstehe sie nicht. Meinen die das ironisch? 

Das ist ganz einfach: sie bekommen Anerkennung dafür. Das ist viel leichter, als wenn Du Sexismus problematisierst. Sie bekommen die Anerkennung von denjenigen, die die Macht haben, nämlich von den Männern.  Wenn Du Dich hinstellst, schön aussiehst und dann auch mitgrölst, dann ist es einfacher.

Alex: Hast Du Tipps für junge Rapperinnen, die gerade erst anfangen?

Du musst alternative Orte suchen, wenn Du alternative Dinge machen willst: alternative Jugendzentren oder offene Bühnen. Du musst Dich trauen, zu fragen. Ich finde es total mutig, wenn mich junge Künstler*innen fragen, ob sie im Vorprogramm meiner Konzerte auftreten dürfen. Da mache ich auf jeden Fall Platz. Der Mut, auf Leute zuzugehen, wird meistens honoriert. Und üben, üben, üben. Du brauchst Praxis.

Es ist ein Riesenunterschied, ob Du zu Hause oder im Studio singst. Im Studio bin ich immer besonders aufgeregt, weil da die Pieces endgültig aufgenommen werden. Auf der Bühne bin ich lockerer. Das ist ein spannendes soziales Experimentierfeld. Ja, Training ist alles. Du brauchst Ausdauer, musst viele Texte schreiben, rumprobieren, Bühnenerfahrungen machen. Den Mythos, mit einem Plattenvertrag hast Du es geschafft, gibt es nicht mehr. Du musst aktiv sein. Und das Wichtigste: mach was, worauf Du Bock hast, was Dich glücklich macht. Auch wenn es Hindernisse gibt, mach Dir Deine kurze Lebenszeit schön. Das gilt für alle Lebensbereiche. Hauptsache, Leute lassen sich nicht von Leistung, Druck und Bewertungen beeinflussen und mache die Dinge so, wie sie es gut finden. Sich trauen, aus den Maßstäben der Anderen rauszugehen und es für sich schön zu machen. Das zieht andere mit.

Schule als sozialer Ort

Naomi: Ich hatte mal einen Freundeskreis mit lauter Jungs und nur zwei Mädchen. Wir haben viel Deutsch-Rap gehört und krass kommentiert: rassistisch, sexistisch, antisemitisch. Ich habe konsequent dagegen geredet, weil es mich genervt hat und ich solche Einstellung nicht verstehen kann. Die haben zwar gesagt, dass das nur Spaß war, aber ich fand das nicht lustig. Und trotzdem hatte ich Hemmungen, mich von denen zu entfernen. Wir waren ja befreundet und sie hatten auch guten Seiten. Auf Dauer war es mir dann zu viel, immer dagegen zu reden. Also bin ich nicht mehr hingegangen.

Ja, sich von Freunden zu lösen, kann krasse Konsequenzen haben. Gerade in einem Verband wie Schule, bist Du voll im Eimer, wenn Du plötzlich niemanden mehr hinter Dir hast, weil Du irgendeine Coolness in Frage stellst. Weil Du sagst, mach ich nicht mit oder in Widerstand gehst. Es ist nicht unwesentlich, wenn Du weißt, Du musst da noch ein Jahr oder fünf Jahre lang mit diesen Leuten fünf Tage die Woche in einem Raum sitzen. Das musst Du erst mal aushalten.

Alex: Wenn Du für Unfrieden in der Klasse sorgst, führen das die Lehrer schnell auf Dich zurück. Das macht die Situation für Dich noch schwieriger und unfair. Ich saß oft allein auf dem Pausenhof und habe meine Bücher gelesen.

Das ist krass. Das vergessen leider viele Erwachsene. Das sind die Momente, wo man jungen Menschen beistehen muss. Schule wird zu wenig als sozialer Ort verstanden, sondern als Bildungseinrichtung. Aber die Leute kommen auch in die Schule, weil dort ihre Freunde und Freundinnen sind, der Unterricht passiert so nebenbei. Wenn Du aber keine Freunde hast, weil Du bestimmte Dinge problematisch findest oder eine Außenseiterin bist, dann bist Du halt raus.

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In der aktuellen q.rage findet ihr den ersten Teil unseres Interviews mit Sookee. Hier geht es weiter.

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