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Psychisch krank

Unsere Autorin gesteht: Ich bin psychisch krank. Und fordert mehr Offenheit im Umgang mit psychischen Krankheiten.

Rebecca (18)

Stell dich nicht so an, mach einfach Sport und iss mehr Brokkoli – all das hat unsere Autorin schon gehört. Dabei hat sie keinen Schnupfen, sondern eine diagnostizierte psychische Krankheit. Mit der muss sie sich im täglichen Leben abfinden und schafft das auch ganz gut. Jedenfalls besser, als sich einige Menschen in ihrem Umfeld damit abfinden können, dass sie krank ist. Ein Plädoyer für mehr Offenheit im Umgang mit psychischen Krankheiten.

Ein Geständnis: Ich bin psychisch krank

Ich fange direkt mit einem Geständnis an: Ich bin psychisch krank. Und ich bin damit nicht alleine. Jeder dritte Deutsche erkrankt mindestens einmal im Leben an einer psychischen Krankheit. Eins, zwei, drei.

Haben wir nicht alle schon mal einen Horrorfilm gesehen, in dem der Mörder gnadenlos Menschen abschlachtet, einfach weil er psychisch „gestört“ ist? Uns mit der Decke auf dem Sofa gegruselt, wenn in der Serie eine Psychiatrie vorkommt, in die „die Irren“ weggesperrt werden?

Verzerrt in filmischen Darstellungen spricht das Thema der psychischen Krankheiten ein breites Publikum an, das sich an „den Verrückten“ belustigt. Aber haben wir auch den Mut, uns ernsthaft mit dem Thema auseinanderzusetzen? Mit dem Leid der Betroffenen, das einige Hollywood-Darstellungen übrigens noch übertrifft?

Wir müssen endlich offen über psychische Krankheiten sprechen

Lasst uns endlich anfangen, offen über psychische Krankheiten zu reden, ohne Berührungsängste. Dass in unserer Gesellschaft ein Thema, das so viele von uns betrifft, „totgeschwiegen“ wird, kostet im wahrsten Sinne des Wortes Leben.

Das Fiese an psychischen Krankheiten ist, dass man sie nicht sehen kann. Betroffene haben nicht auf der Stirn stehen, dass sie im Alltag stark eingeschränkt, möglicherweise auf Medikamente angewiesen sind. Diese Unsichtbarkeit macht es leichter, über das Thema zu scherzen. Zumindest, solange man nicht selbst betroffen ist. Dann nämlich hat man nicht mehr viel zu lachen.

Der Selbstmord ist allgegenwärtig

Allgegenwärtig bei psychischen Krankheiten ist das Thema Suizid. Es ist die zweithäufigste Todesursache bei 15- bis 29-Jährigen. Alle 50 Minuten nimmt sich ein Mensch das Leben und alle fünf Minuten versucht es jemand. Das sind pro Jahr in Deutschland rund 10.000 Schwestern, Brüder, Elternteile, Freunde und Verwandte. Eine unfassbar große Zahl. Die Dunkelziffer dürfte noch um einiges höher liegen.

Es muss viel passieren, damit ein Mensch nicht mehr leben will. Suizid ist niemals ein Freitod. Und: Suizid ist nicht egoistisch. Das ist nichts, für das man sich entscheidet. Es ist immer noch die Krankheit, die einen dazu zwingt. Die meisten Leute wollen dabei gar nicht „nicht mehr leben“. Sie wollen ihr Leben, so wie es aktuell ist, nicht mehr leben. Wenn es so weit gekommen ist, hat man schon jeglichen Halt verloren und jede Hoffnung. Man gibt auf.

Man macht sich Gedanken darüber, was man seinem Umfeld noch mitteilen möchte, schreibt Abschiedsbriefe. Verteilt vielleicht großzügig Gegenstände, die man glaubt, nicht mehr zu brauchen. Man erledigt alles, was noch zu erledigen ist. Alles um einen herum scheint kaputt, es gibt nur noch einen einzigen Ausweg. Die meisten kämpfen jahrelang, oft zögern sie mit Blick auf geliebte Angehörige als dem Letzten, was sie noch abhält. Leider sind manchmal der Schmerz und die Verzweiflung stärker als alles andere.

Die Betroffenen suchen oft zu spät Hilfe

Dabei haben wir vor allem in Deutschland das Glück, gut mit Psychiatern, Psychotherapeuten und Klinikplätzen versorgt zu sein. In den meisten Fällen übernehmen die Krankenkassen die Kosten auch ohne Probleme. Allerdings vergehen meist Jahre, bis sich eine betroffene Person Hilfe sucht. Und warum? Ein Grund könnte sein, dass psychische Krankheiten in unserer Gesellschaft immer noch stigmatisiert werden.

Es ist absurd. Ich kann ohne Probleme erzählen, dass ich morgen einen Zahnarzttermin habe. Aber erzähl mal, dass du morgen einen Termin beim Psychiater hast. Dann folgt erstmal das große Schweigen. Als hätte ich gerade erklärt, morgen ein Treffen mit Putin persönlich zu haben. Danach kommen die Fragen. „Aber warum denn?“ „Du hast doch so ein tolles Leben?“ Und dann kommt mein Lieblingsteil, die Ratschläge, um die ich definitiv nicht gebeten habe. „Du musst dich nur zusammenreißen!“ „Andere haben es viel schlimmer!“ Oder: „Hör auf zu jammern!“

Nein, ich muss mich nicht einfach zusammennehmen, Yoga machen oder Ratgeber lesen und dann wird alles wieder gut. Soweit ich weiß, würde davon auch keine Lungenentzündung weggehen. Warum schlägt man mir das dann für eine psychische Krankheit vor?

In sozialen Netzwerken wird die Krankheit romantisiert

Die öffentliche Wahrnehmung wird auch geprägt in sozialen Netzwerken. Hier werden psychische Krankheiten geradezu romantisiert. Das Bild von einem schüchternen Mädchen, das sich hin und wieder mal ritzt, weil es gerade modern ist, wird genommen und weitergesponnen. Jeder ist auf einmal depressiv oder hat eine Angststörung.

Psychische Krankheiten machen einen Menschen nicht automatisch zum Psychopathen. Aber sie sind auch nicht süß und cool. Es sind ernstzunehmende Erkrankungen, die unglaublich viel Leid auslösen. Bei Betroffenen wie auch bei Angehörigen. Jeder kann betroffen sein. Auch ich habe mir das nicht ausgesucht.

Das Wichtigste ist, sich rechtzeitig Hilfe zu suchen. Leider ist es da nicht wie mit einem gebrochenen Arm: Der Knochen bricht, es knackt, es tut weh und man weiß, man sollte einen Arzt aufsuchen. Psychische Krankheiten schleichen sich leise an und wenn man merkt, dass man Hilfe braucht, ist man meistens schon von ihrem unendlich großen Gewicht begraben.

Jeder kann helfen, jeder kann achtsam sein

Damit sich mehr Menschen trauen, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen, müssen wir auch aufhören, das zu verurteilen. Wir sollten die Leute unterstützen, weil es fantastisch ist, dass sie sich getraut und in Behandlung begeben haben. Auch wenn das mit der Couch und so von außen gesehen merkwürdig erscheinen mag.

Jeder von uns kann helfen, achtsam mit unseren Mitmenschen umgehen. Sie ansprechen, wenn wir das Gefühl haben, dass sie eine schwere Zeit durchmachen. Wenn wir das nächste Mal jemanden im Vorbeigehen fragen, wie es geht, sollten wir uns die Zeit für eine ehrliche Antwort nehmen. „Wie geht es dir, wirklich?“ Und wenn es der Person nicht gut geht, sollten wir ihr zeigen, dass wir da sind, zum Zuhören.

 

Reden rettet Leben

Für Menschen. die über Suizid nachdenken, und deren Angehörige bestehen viele Hilfsangebote.

  • Unter den Telefonnummern 0800-1110 111 oder 0800-1110 222 kann anonym und kostenlos rund um die Uhr angerufen werden. Die Mitarbeiter*innen der Telefonseelsorge hören zu, und können bei Bedarf auch an andere Einrichtungen vermitteln (www.telefonseelsorge.de).
  • Unter der Rufnummer 0800-1110 333 sind Berater*innen für Kinder und Jugendliche, überwiegend vom Deutschen Kinderschutzbund, erreichbar.
  • Informationen über Selbsthilfegruppen erhält man unter: 030-3101 8960 (www.nakos.de).

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Dieser Text ist Teil der q.rage Nr. 13, des Schüler*innen-Magazins von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage. Bestellen oder kostenfrei herunterladen könnt Ihr die q.rage hier.

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