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Prototyp: Lana Del Rey Foto: Nicole Nodland/Universal Music

Sexy Broken Sad Girl

Ein bisschen kaputt zu sein, ist mal wieder der letzte Schrei. Die Sexualisierung psychischer Krankheiten junger Frauen in TV-Serien und Popsongs regt unsere Autorin auf.

Anastasia (17)

Vorwarnung: In diesem Text geht es um psychische Erkrankungen wie Depression, Angststörungen, dissoziative Störungen, Essstörungen und Persönlichkeitsstörungen, um ungesunde Beziehungen und sexuelle Übergriffigkeit. Wenn ihr euch mit dem Thema nicht wohl fühlt, lest den Text lieber nicht oder nur mit jemandem zusammen, der euch unterstützen kann.

Ob Effy Stonem, Cassie Howard oder Hannah Baker, ob Lana Del Rey oder – wer sonst – Billie Eilish. Traurig, depressiv und ein wenig kaputt zu sein, ist gerade mal wieder der letzte Schrei. Bücher, Filme, Serien, Musik und auch Kleidung, die an heranwachsende Menschen vermarktet wird, sind voll von Darstellungen psychisch instabiler, junger und konventionell attraktiver Frauen.

Aber diese Frauen, die ich jetzt mal „Sexy Broken Sad Girls“ nenne, haben gar kein so malerisches Leben. Das Phänomen ist nicht neu, es ist seit Jahren in der Popkultur zu beobachten und hat sich in den Sozialen Netzwerken zum sogenannten „Tumblr Girl“ verdichtet. Die Merkmale, die alle Ausprägungen vereint: Sie sind depressiv und einsam, haben verständnislose Eltern, nehmen Drogen, um zu vergessen, haben viel zu oft ungeschützten Geschlechtsverkehr, gehen ständig auf Partys und tragen von ihrer Tragik kündende Selbstverletzungsnarben. Gerne sind sie auch magersüchtig. Das volle Programm also.

Als wäre depressiv zu sein schick. Machine Gun Kelly schreibt ein Lied darüber, wie er sich in ein depressives Emo-Girl verliebt: „Half dead, but she still looks so cute“, beschreibt der Musiker die Angebetete. Harley Quinn läuft in dem Film „Suicide Squad“ mit unzusammenhängenden Stimmen im Kopf (und ansonsten keinen weiteren Sinn ergebenden Symptomen), einem T-Shirt mit dem Aufdruck „Daddy’s Lil Monster“ und einer Bomberjacke mit dem Aufdruck „Property of Joker“ herum. Ist doch mega cool, oder?

Nicht jeder Mensch in Emo-Klamotten ist automatisch depressiv

Nun, eher: jein. Menschen, die ihren Emo-Kleidergeschmack so ausleben, wie sie wollen? Super. Nur leider wird der medial weiterhin fetischisiert, inklusive depressiver Episoden und Essstörungen. Augenscheinlich geht es bei diesen Darstellungen nur um die Ästhetik psychischer Erkrankungen – aber kein bisschen ums Gesundwerden. Stimmt ja auch: Nicht jeder Mensch in Emo-Klamotten ist automatisch depressiv. Und Netflix und TikTok sind wohl nicht wirklich dafür gebaut, einen sensiblen Diskurs zu einem ernsten Thema loszutreten. Es ist ja auch schwer, eine differenzierte Auseinandersetzung in ein 60-Sekunden-Video zu quetschen.

Es gibt ein Lied von der Band The Neighbourhood namens „Daddy Issues“. Der Refrain geht so:

Go ahead and cry, little girl
Nobody does it like you do
I know how much it matters to you
I know that you got daddy issues
And if you were my little girl
I’d do whatever I could do
I’d run away and hide with you
I love that she’s got daddy issues, and I do too

Was soll uns das erzählen? Der titelgebende Vaterkomplex, die „Daddy Issues“, machen die weibliche Figur in dem Song augenscheinlich so begehrenswert, dass es für irgendeinen dahergelaufenen Jockel Grund genug ist, sich unsterblich in sie zu verlieben. Hmm.

Nur ein Produkt ihrer tragischen Erlebnisse, nie ein autarkes Individuum

Auch scheint es, als gäbe es für diese Figuren nur diese eine Art auf eine schwierige Kindheit und Co. zu reagieren: Sex, Drogen, Selbstverletzung. Nie oder nur selten sind es dagegen naheliegendere, aber nicht so schicke Dinge wie Wut, fehlende Kraft zur Körperhygiene, sozialer Rückzug, sexuelle Unlust, ein durch Stress angeschlagenes Immunsystem. Wobei: Reagieren trifft es auch nicht ganz, denn das impliziert ja, dass das beschriebene Verhalten eine autonome Aktion sei. Nein, Hannah Baker hat nicht auf diese oder jene Art reagiert, sondern sie wurde zu dem gemacht, was sie nun in „13 Reasons Why“ ist: Auch dieses „Sexy Broken Sad Girl“ ist lediglich ein Produkt ihrer tragischen Erlebnisse, nicht etwa ein autarkes Individuum.

Natürlich ist erst einmal nichts falsch daran, den Emo-Look cool zu finden oder sich darüber zu identifizieren. Im Gegenteil, eine Art Subkultur um etwas zu bilden, das in unserer Gesellschaft häufig tabubehaftet und verpönt ist, ist großartig. Psychisch erkrankte Menschen fühlen sich ohnehin schon sehr oft allein, und Musik, Kunst und Zusammenhalt sind fantastische Gegenmittel.

Doch irgendwie entsteht der Eindruck, dass es hierbei um etwas ganz Anderes geht. Im schlimmsten Fall geht es in vielen TV-Serien, Filmen und Popsongs um die bewusste (oder auch unbewusste) Darstellung einer idealen Partnerin, die aber so verletzlich, unsicher und dementsprechend manipulierbar ist, dass in einer Beziehung vor allem das Ego des Partners gestreichelt wird. Nun, das ist, vorsichtig ausgedrückt, auf keinen Fall eine gute Basis für eine gesunde Beziehung.

Eine Lovestory, die ernsthafte Gefahren birgt

Das Problem sind ja nicht junge Menschen, denen es schlecht geht. Oder dass Menschen sich gerne „Skins“ anschauen und sich mit Effy identifizieren können oder Effy attraktiv finden.
Das Problem sind Menschen, die bewusst das Bild vom „Sexy Broken Sad Girl“ völlig undifferenziert in die Welt setzen und eine Lovestory aus etwas stricken, das ernsthafte Gefahren birgt. Das Problem ist eine mangelnde Aufklärung über emotionale Kompetenz und psychische Erkrankungen. Das Problem sind Menschen, die junge Mädchen mit Depressionen sexualisieren, bevor diese überhaupt eine ausgereifte Erfahrung ihrer Sexualität haben.

Junge Menschen sollen nicht verleitet werden zu denken, ihre Depressionen seien ihre begehrenswerteste Eigenschaft. Wer dich vor allem deshalb hot findet, weil du psychisch labil bist, wird dir kaum helfen da raus zu kommen – oder für dich da zu sein, wenn es dir mal besonders schlecht geht. Eher im Gegenteil: Jemand, der dich broken erst richtig sexy findet, wird sich für dein happy Selbst vermutlich nicht mehr interessieren.

Darum lasst uns alle weiter fröhlich (oder nicht so fröhlich) My Chemical Romance hören und Bücher über Menschen lesen, die die gleichen Kämpfe kämpfen wie wir. Lasst uns ungesunde Umgangsstrategien und ernstzunehmende psychische Erkrankungen aber nicht auf ein Podest heben. Denn nichts, wirklich nichts ist besser für eine aufregende, erfüllende Beziehung als gegenseitige Unterstützung und mentale Stabilität. Egal, was die nächste von Männern geschriebene Serie uns weismachen will.

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