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Foto: Johanna Landscheidt

Warum ich keine Ossi bin

Der Fall der Mauer jährt sich zum dreißigsten Mal. Kira wurde 2002 in Sachsen geboren. An die Schublade „Ossi“ glaubt sie nicht.

Kira (16)

Vor 30 Jahren fiel die Mauer. Was bedeutet dieses Ereignis für junge Menschen heute? Mich hat nie jemand gefragt, wo ich war, als die Mauer fiel. Es wäre auch lächerlich. Ich bin im Jahr 2002 geboren und habe die Wende nicht miterlebt. Trotzdem ist die Teilung Deutschlands ein Thema, das mich beschäftigt und mir im Alltag begegnet.

Wenn ein lokales Unternehmen aufgekauft wurde, dann „sicherlich von einem Westdeutschen“. Wenn Schulen und Krankenhäuser aus Personalmangel geschlossen werden, dann „ist der Westen daran schuld“. Wird ein Pappbecher aus einem fahrenden Auto geworfen, dann war das bestimmt ein Wessi, denn „sowas hat es bei uns nicht gegeben“. Wessis – das sind immer die anderen. So habe ich es gelernt.

Die Generation unserer Eltern hat die Zeit der zwei deutschen Staaten noch miterlebt, manche länger, manche kürzer. Meine Eltern sind beide in der DDR geboren und aufgewachsen. Als gebürtige Ossis kennen sie die Vergünstigungen und Schwierigkeiten des Realsozialismus. Sie waren in der DDR-Jugendorganisation Freie Deutsche Jugend, kurz FDJ, sie sind für eine Mark ins Kino gegangen, haben stundenlang für Bananen angestanden, heimlich Westfernsehen geschaut und Päckchen von drüben bekommen. Sie wuchsen in einem Staat auf, der ihnen Tag für Tag ein Feindbild zeichnete.

„Wir“ und „Die“

Es ist ein Erbe, das sie an mich weitergegeben haben – ohne dass ich die Möglichkeit gehabt hätte, es auszuschlagen. Denn ich möchte nicht in einem Land leben, dessen Bevölkerung gespalten ist durch Spannungen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Eine Erbfeindschaft sozusagen. Es ist nicht mein Konflikt, ich habe nie in der DDR gelebt. Ich weiß nicht, wen man kennen muss, um an eine Waschmaschine zu kommen.

Ich weiß nicht, wie leere Supermarktregale aussehen oder wie man Gemüse einkocht. Außerdem  spreche ich kein Russisch, kenne keine Pionierlieder und hatte nie „Nadelarbeit“. Keinesfalls möchte ich meine Herkunft verleugnen. Ja, ich komme aus Sachsen. Ja, ich habe die Jugendweihe gemacht, und ja, ich schmiere mir Stullen vor Ausflügen. Und ich mache mir auch keine Illusionen. Mir ist klar, dass ich in einigen Bereichen statistisch gesehen schlechtere Chancen habe, Karriere zu machen. Aber macht mich das zu einer Ossi?

Meine Verbindung zum Osten ist angeboren und anerzogen, aber darüber hinaus fühle ich keine Zugehörigkeit. Es war nicht alles schlecht, es war nicht alles gut. Es spielt für mich keine Rolle, was die eine oder andere Seite getan hat. Was für mich zählt, ist die Gegenwart und die Zukunft.

Um die Kontraste nachhaltig verblassen zu lassen, muss nicht nur die Politik handeln, sondern jede Person, die noch in „Wir“ und „Die“ denkt. Die Teilung des Landes steht in den Geschichtsbüchern, das ist gut so. Aus den Köpfen soll sie verschwinden. Ich weiß, dass die Menschen in Ost und West unterscheiden, aber so leben will ich nicht. Wenn es schon Schubladen braucht, dann möchte ich passendere.

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