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Schüler auf Tischtennisplatte
Foto: picture-alliance/ dpa | Frank Rumpenhorst

Wie ich lernte, was Mobbing ist

Unser Autor ist Klassensprecher. Als er bemerkt, wie einer der Schüler in seiner Klasse gemobbt wird, fühlt er sich in der Verantwortung – aber auch ziemlich allein gelassen

Tobias (15)

Ich heiße Tobias, ich gehe in Berlin in eine achte Klasse – und ich bin Klassensprecher. In unserer Schule kommt es immer mal wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Schülerinnen und Schülern, manchmal auch zwischen verschiedenen Gruppen. Wann genau solche Konflikte zu Mobbing werden, weiß ich nicht. Aber als ein Schüler aus meiner Klasse gemobbt wurde, wusste ich schnell, dass das, was ihm da passiert ist, Mobbing ist.

In unserer Klasse gibt es viele unterschiedliche Menschen. Wir sind eine sehr diverse Klasse mit vielen verschiedenen Hintergründen. Und es gibt natürlich auch größere und eher kleinere Menschen bei uns. Trotzdem musste sich ein Schüler, ein guter Freund von mir, der ungefähr 1,45 Meter groß ist, immer wieder doofe Sprüche anhören. „Hey, sei mal nicht so kleinlaut”, hieß es dann. Oder: „Dich haben sie wohl zu wenig gegossen.”

Die, die diese Sprüche klopften, waren nie allein, immer waren es Gruppen. Meist standen sie vor den Schultoren zusammen oder in den Ecken des Schulhofes. Es waren immer dieselben, die auch andere triezten, aber zunehmend schossen sie sich auf meinen Freund ein – und sie hatten kein Erbarmen. Die Sprüche wurden immer mehr, und die Scherze waren längst schon keine Scherze mehr, weil es immer denselben traf. Zu diesem Zeitpunkt waren wir alle Mitläufer, wir sahen weg, wir taten so, als hörten wir nichts – oder wir lachten sogar mit. So ging das über Wochen, aber mein Freund lachte schon lange nicht mehr über die sogenannten Scherze. Stattdessen wurde er nur noch immer stiller.

Ich verstand, das waren nicht mehr nur ein paar Neckereien zwischen Jugendlichen

Als ich beobachtete, wie er sich immer weiter zurückzog, verstand ich, dass es nun nicht mehr nur um ein paar Neckereien zwischen Jugendlichen ging, wie sie ständig auf dem Schulhof vorkommen. Klar, jeder kennt so eine ähnliche Situation, auch ich habe das schon ein paar Mal erlebt, für keinen Menschen ist es schön, wenn über ihn gelacht wird und er sich ausgegrenzt fühlt. Aber das hier war schlimmer, und das wurde mir endgültig klar, als ich ihn schließlich ansprach. Er sagte mir, dass es ihm weh tat, jeden Tag einen Witz über seine Größe zu hören. Wir redeten miteinander, und ich hatte das Gefühl, dass es ihm besser ging, nachdem er sich mit mir hatte austauschen können.

Trotzdem wurde er in den folgenden Tagen immer distanzierter, er meldete sich kaum noch im Unterricht und in den Pausen stand er oft allein herum. Ich fing dann damit an, mich demonstrativ zu ihm zu stellen, um den anderen zu zeigen, dass er nicht alleine ist und dass er mein Freund ist. Immer, wenn mir miteinander sprachen, erzählte er mir neue Details, die mich schockierten. Mittlerweile musste er sich nicht nur in der Schule beschimpfen lassen, sondern bekam auch E-Mails und sogar Briefe von anderen Schülern, die aber anonym blieben. In denen standen weitere sogenannte Scherze, die definitiv zu weit gingen.

Natürlich begann ich mich auch zu fragen, ob ich ihm in meiner Funktion als Klassensprecher helfen konnte. Aber was sollte ich tun? Damals, als ich zum Klassensprecher gewählt wurde, hatte ich nicht mit so einer Situation gerechnet. Den einen oder anderen kleinen Stress zwischen Mitschülern lösen, das konnte ich mir vorstellen – aber diese Situation war etwas ganz anderes, das war eine große Sache. Auf die mich aber niemand, kein Lehrer, kein Verantwortlicher jemals vorbereitet hatte. Wie sollte ich so etwas Großes allein bewältigen? Die Mobber hätten mich doch niemals ernst genommen. Und wäre ich zu einem Lehrer gegangen und hätte andere Schüler verpetzt, hätte die Gefahr bestanden, dass ich selbst ins Visier der Mobber gerate, die ja zum Teil aus meiner Klasse kamen. Als mir das bewusst wurde, war das ein Moment, in dem ich mich ziemlich allein gelassen fühlte.

Ich wusste eins: Ich musste etwas tun für meinen Freund

Aber eins wusste ich auch: Ich musste etwas tun, sonst wäre ich kein guter Klassensprecher. Mein Job war es, auf jeden und jede einzelne in meiner Klasse aufzupassen. Jede und jeder sollte sich wohl fühlen können, dafür musste ich sorgen – und wenn das bedeutete, dass mich einzelne aus meiner Klasse hassten, dann musste ich das in Kauf nehmen. Es musste etwas geschehen, weil mein Freund immer mehr verzweifelte.

Also beschloss ich, zusammen mit meinem gemobbten Freund zu den Schulsozialarbeitern zu gehen. Auch die waren geschockt, als wir ihnen von dem Mobbing erzählten. Gemeinsam versuchten wir, eine Lösung zu finden. Schließlich wirbt unsere Schule damit, dass sie gegen Mobbing vorgeht. In den Gängen und an den Eingängen hängen große Plakate, auf denen „Kein Rassismus!“ oder „Kein Mobbing!“ steht. Bis dahin war ich oft achtlos an diesen Plakaten vorbei gegangen. Jetzt hatten sie plötzlich eine Bedeutung bekommen.

Die Sozialarbeiter regten schon für den nächsten Tag eine Konferenz mit den Lehrern und der Direktorin an, nach der den Mobbern Strafen angedroht wurden. Für weiteres Mobbing würden die Eltern der Mobber zu einem Gespräch eingeladen. Diese Beschlüsse halfen meinem Freund weiter. Und tatsächlich hatte das Mobbing auf den Gängen und dem Schulhof dann ein Ende. Mein Freund bekam auch keine E-Mails mehr und blühte wieder auf. Auch im Unterricht ist er wieder mit Freude und Lust dabei. Es kann schon noch passieren, dass es hier und da noch einen Scherz gibt, aber die nimmt er mittlerweile spielerisch, weil er weiß, dass darin keine abwertende Botschaft versteckt sein muss. Und ich bin ein bisschen stolz, dass ich etwas erreicht habe. Ich habe vor allem auch gelernt, dass man als Klassensprecher tatsächlich etwas bewirken kann.

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Lesermeinungen

  1. Luca Hölbling
    31.03.2021

    Mega! Das ist Courage! Sich für etwas einzusetzen und zu wissen, dass man damit das Gegenteil macht, wie „alle anderen“…
    Kannst echt stolz sein.

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