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(c) dpa

Chemnitz – Die vergessene Stadt?

Chemnitz wird 2018 zum Symbol für entfesselte Gewalt und Pogromstimmung. 2005 kamen wir dort für die erste Q-rage! zusammen. Dabei entstand auch dieser Text über den jungen Erik (15), der zwar kein Nazi sein will, aber viele völkische und rechtsextreme Positionen teilt. Ein historisches Zeitdokument, das zeigt, dass das gesellschaftliche Klima auch in Chemnitz Kontinuität hat.

Caroline P. hat diesen Text als Teil der ersten Q-rage!-Redaktion 2005 geschrieben.

„Finden Sie es etwa unpolitisch, wenn eine Sozialkundelehrerin vor der Bundestagswahl Werbe-CDs der SPD verteilt, es aber anderen Parteien verboten wird, Tonträger auf dem Schulhof zu verteilen? Finden Sie es etwa unpolitisch, wenn ein Mitschüler, der mit Glatze und Bomberjacke vor der Klasse steht, für die gleiche Leistung automatisch eine schlechtere Note erhält als ein anderer?“

Mit Vehemenz schleudert Erik seine Fragen in den Raum. Der Direktor seiner Schule hat Kommunalpolitiker, Sozialarbeiter sowie Eltern und Schüler zur Diskussion geladen. Thema der Veranstaltung: „Die Stellung der Schüler bei der politischen Meinungsbildung“. Auch ein städtischer Vertreter der NPD sitzt im Raum, obgleich ihn niemand eingeladen hatte. Seinem gewohnt provozierenden Redebeitrag schließen sich diesmal allerdings einige Schüler an und applaudieren.

Unter ihnen ist auch Erik, ein eher zurückhaltender und vernünftig wirkender Junge, der bisher niemandem aufgefallen ist. Bisher. Doch jetzt schlägt der 15-Jährige sich auf die Seite des stadtbekannten NPD-Politikers. Zieht die Blicke auf sich. Sein Einwurf: Er verstehe nicht, warum der Direktor die in seinen Fragen geschilderte Situation als überzogen bezeichnet und die von ihm gemeinte Schulhof-CD der NPD als verfassungsfeindlich und jugendgefährdend deklariert. „Ich hab die CD leider nie gehört – sie wurde viel zu früh verboten“, beschwert sich Erik. Einige Titel hat er sich aber im Internet angehört. „Vor allem die Texte haben mir echt gut gefallen.“ Außerdem kennt er die CD „Schnauze voll? Wahltag ist Zahltag!“, mit der die NPD zur sächsischen Landtagswahl 2004 geworben hat.

Diese CD hat bei der Landtagswahl sicherlich mit zu den überraschenden neun Prozent der Stimmen für die NPD beigetragen. Vor allem zu denen der Jungwähler. Denn gerade Jugendliche geraten über den Konsum einschlägiger Musik, etwa über illegale Tonträger, in Erstkontakt mit rechtem Gedankengut.

Texte voller Hass

Um mehr Mitläufer anzulocken, hat die rechte Szene in den letzten Jahren ein breites musikalisches Angebot entwickelt. Manche Gitarrenriffs sind inzwischen recht professionell. Während man sich früher auf Oi!- und Rock-Against-Communism-Musik beschränkte, hört der typische Nazi heute auch gern Hardcore oder Metal – besonders Black Metal. Aber auch ruhige Lieder braucht das rechte Gemüt. Sicherlich wird es bald den Nazi-Kuschelrock geben, mit Balladen von träumerisch-rechten Liedermachern.

In ihren Texten predigen einige offenen Rassismus und Antisemitismus. Sie rufen zu Gewalt auf, verherrlichen das NS-Regime oder beschreiben einfach den Alltag eines Skinheads. Die Texter haben offensichtlich eine wahnsinnige Freude daran, versteckte Andeutungen in Form von Zahlen- oder Wortspielen zu machen. Insider verstehen sofort den Inhalt. Für Außenstehende ist die rassistische Botschaft nicht sofort zu durchschauen. Beliebtes Thema ist auch die nordische Mythologie – vom Wikingerkämpfer bis zur Germanengottheit wird viel rechtsextreme Symbolik in Texte gepackt.

Natürlich wollen die braunen Musiker ihre Kunst vor Publikum zum Besten geben. So stellt der Verfassungsschutz seit Jahren fest, dass die Zahl der rechtsextremistischen Konzerte in Sachsen steigt. Da die Neonazis ihre Konzerte immer besser tarnen, zum Beispiel als simple Geburtstagsfeiern, sinkt gleichzeitig die Zahl der Konzerte, die verhindert werden können.

Erik selbst war noch nie auf solch einem Konzert, weiß aber vom Hörensagen, wie es dort so läuft. Einige seiner Freunde sind bereits häufiger bei Auftritten der Chemnitzer Musikgruppen „Blitzkrieg“ und „Might of Rage“ gewesen. Bereut hat er sein Fehlen nie. Einerseits komme es bei solchen Veranstaltungen oft zu Prügeleien im Alkoholrausch und andererseits sei das Publikum im Durchschnitt weitaus älter als er. Darin ist sich Erik ausnahmsweise mal mit dem Verfassungsschutz Sachsen einig. Dieser fand heraus, dass 2004 weit mehr als die Hälfte aller Teilnehmer an rechten Musikveranstaltungen im Alter von 20 bis 29 Jahren waren und nur wenige jünger oder älter.

Zwischen konservativ und rechtsextrem

Einer rechten Organisation gehört Erik bislang nicht an. Seit kurzem spielt er mit dem Gedanken, den Jungen Nationalisten, der Jugendorganisation der NPD, beizutreten. Aber eigentlich findet er nur einige Punkte des Parteiprogramms gut. Und es stellt sich die Frage: Wie viele Punkte eines eindeutig rechtsextremen Parteiprogramms darf man denn überhaupt gut finden, bis man ein Nazi ist? Erik möchte auf jeden Fall nicht als solcher bezeichnet werden, er sieht sich eher als rechtskonservativ. „Ich finde etwa die Zerstörungswut mancher meiner Meinungsgenossen in Bezug auf den Staat leicht übertrieben.“

Gegen das System hat Erik primär nichts. Er wünscht sich manchmal nur etwas mehr Traditionswahrung sowie Achtung und Schutz der Heimat. Für ihn heißt Schutz von Heimat Schutz vor Emigranten. „Die sind zwar keine schlechteren Menschen, aber sie nehmen uns Deutschen halt die Arbeitsplätze weg – das ist ja wohl erwiesen!“ Klar: Die zwei bis drei Prozent Einwanderer in Sachsen rauben den restlichen 98 Prozent sämtliche Arbeitsplätze. Erik meint dazu nur trocken: „Da werden ja nur diejenigen gezählt, die noch nicht einmal die deutsche Staatsbürgerschaft haben.“ Dass man mit der deutschen Staatsbürgerschaft ein Deutscher ist und zwar genauso einer wie Erik selbst, scheint er nicht anerkennen zu wollen.

Wie ein Nazi aussieht

Genau wie der junge Gymnasiast denken auch viele seiner Freunde, mit denen er sich oft in ihrer Stammkneipe, dem „Sachseneck“ in Chemnitz, trifft. Plakate und Slogans an den Wänden offenbaren: Diese Gaststätte ist ein Treff der rechten Szene. Den Saufkumpanen in der Bar ist ihre Gesinnung allerdings kaum anzusehen. Kein Wunder: Der Kleidungsstil der
rechten Szene hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Ein Nazi ist heute, zumindest so lange er denn den Mund hält, nicht mehr unbedingt als solcher zu erkennen. Anstatt des auffallenden Skinhead-Outfits trägt man als stilbewusster Nazi heute wie jeder andere die gerade angesagten Klamotten. Dabei entstehen kuriose Stilmixe. So passt der Thor-Steinar-Pullover plötzlich zu Baggy-Jeans und buntem Irokesenschnitt. Erik kennt sogar einen so genannten Bikernazi mit wallendem Haar und engen Lederhosen.

Erik selbst ist eher unauffällig mit Jeans und buntem T-Shirt bekleidet. Er lässt Bomberjacke und Springerstiefel im Schrank. Gegen das Tragen von Marken wie Thor Steinar, Lonsdale oder Alpha Industries hat er seine Einwände. „Diese Sportklamotten werden von der Gesellschaft doch sofort als Nazisachen hingestellt!“ Am affigsten findet Erik die T-Shirts mit dem Aufdruck CONSDAPLE, bei denen die Buchstabenfolge NSDAP erscheint, wenn man eine Jacke halb offen darüber trägt. „Leute, die sich so präsentieren, am besten noch mit einem SS-Tattoo im Nacken, sind doch total oberflächlich! Das sind nur hohle Schlägertypen, mit denen jeder gleich die gesamte Szene in Verbindung bringt“, regt sich der erboste Junge auf.

„Wenn die Leute unvoreingenommen über unsere Ideologie nachdächten, würde garantiert jeder ein paar Aspekte finden, die er befürwortet.“ Das heißt also: Wenn es diese blöden Schläger nicht gäbe, fänden wir mit Sicherheit alle Ausländerhass, Diskriminierung oder übersteigerten Patriotismus total gut …

Aufgewachsen ist Erik in einer Durchschnittsfamilie aus dem Mittelstand. Dort wurden ihm sozialdemokratische Werte vermittelt. „Deshalb komme ich auch sehr oft in riesige Konflikte mit meinen Eltern. Ich kann nicht akzeptieren, wie sie über bestimmte Punkte denken, und sie wollen nicht wahrhaben, dass ich nunmal so denke. Sie meinen, das wäre alles nur eine Phase und geben meinen Kumpels die Schuld“, erregt sich der 15-Jährige. Die Kumpels sind zwar nicht Schuld an Eriks Gesinnung, haben aber den Anstoß gegeben.

Rechtsextreme Medien

Vor ungefähr drei Jahren hatte Eriks bester Freund die NPD-Zeitung Deutsche Stimme und ein paar Flyer mit in die Schule gebracht. Was da stand, gefiel ihm gut. Also begann er sich weiter zu informieren und stimmte dem Inhalt mehr und mehr zu. Gerade Zeitungen seien ihm schon immer wichtig gewesen, betont er. Die Deutsche Stimme hat Erik vor kurzem sogar abonniert, um bloß nichts zu verpassen. Besonders gut findet er, dass sich in letzter Zeit regionale Schülerzeitungen etabliert haben. Damit meint er etwa Die mitteldeutsche Jugendzeitung (MJZ), die unter anderem von sächsischen Kameradschaften herausgegeben wird. Auch die In’vers, die sich selbst als sachsenweite unabhängige Schüler- und Jugendzeitung betitelt. „Dann gibt es ja noch so Blätter, die sich ausschließlich an Leute wenden, die gern mal zuschlagen – mir fallen da zum Beispiel gleich die Chemnitzer Fanzines Foierfrei und Panzerbär ein. Das sind so richtig typische Skinhead-Zeitungen“, bemerkt Erik abfällig.

Speziell in Chemnitz sind Medien mit rechtsextremer Intention sehr leicht zu bekommen. Das Vertriebssystem funktioniert hervorragend. Typische Szeneläden, in denen vom T-Shirt bis zum Aufnäher alles erworben werden kann, sind in der Stadt verstreut. Vor allem große Verlagshäuser und Vertriebsunternehmen wie PC-Records sind hier ansässig. Ein weiteres Medium ist für Erik das Internet. Ein ideales Forum, um mit Gleichgesinnten in Kontakt zu bleiben. „Manchmal surfe ich einfach so herum und entdecke dann sehr lustige Seiten“, erzählt Erik lachend. Etwa die Seite der NSDAP/AO, der NSDAP/Auslands-und Aufbauorganisation, auf der die „Seife Marke Auschwitz“ zum Verkauf angeboten wird und man sich an den Spielen „KZ-Rattenjagd“ und „die Säuberung“ auslassen kann. Sehr lustig, was für eine bitterböse Art von Humor!

Als Erik nach der Veranstaltung die Schule verlässt, wartet schon eine Gruppe Jugendlicher auf ihn. Menschen, die aussehen wie du und ich. Keine blank polierte Glatze schimmert im Abendrot, keine weißen Schnürsenkel leuchten einem von den Springerstiefeln entgegen. Man möchte nicht meinen, dass sie diejenigen sind, die bei der nächsten Gelegenheit „Ausländer raus“ schreien, das „Fremde zwar schon mögen, aber eben in der Fremde“ und „allen Ausländern eine gute Heimreise wünschen“!

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