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Lehrer korrigiert Schularbeiten
Foto: Johanna Landscheidt

Einmal que(e)r durch die Schule

Herr Schmitt ist Lehrer und trans*. Alexandra hat mit ihm über sein Outing in der Schule gesprochen.

Alexandra (17)

Blendendes Sonnenlicht und die Schulglocke – nicht die besten Voraussetzungen für ein Gespräch. Aber solche Details verblassen bei der spannenden Geschichte, die ich gleich hören werde. Mir gegenüber sitzt Herr Schmitt. Er wirkt ruhig. Herr Schmitt arbeitet seit neun Jahren als Geschichts- und Englischlehrer an meiner Schule. Außerdem ist Herr Schmitt trans*.

„Trans* ist dabei ein sehr dehnbarer Begriff“, erzählt er mir gleich zu Beginn des Gesprächs. Der Begriff werde oft mit einem „einfachen“ Wechsel des Geschlechts gleichgesetzt. Laut Wikipedia sind damit Menschen gemeint, deren Geschlechtsidentität von ihrem biologischen Geschlecht abweicht. Oft wird irrtümlicherweise von einer Geschlechtsumwandlung gesprochen.
Es ist aber eher eine Geschlechtsangleichung oder eine Geschlechtsanpassung. „Die Menschen wollen ihr Äußeres dem inneren Gefühl anpassen“, betont Herr Schmitt. Wichtig ist ihm auch, dass nicht alle Trans*menschen eine Geschlechtsangleichung vornehmen lassen (wollen). Erst wenn sie sich für diesen Schritt entscheiden, spricht man von Angleichung.

Viele merken schon sehr früh, dass etwas anders ist.

Schwer sei es besonders für junge Menschen in der Pubertät, wenn zu einer generellen Selbstfindung auch noch dieses Thema hinzukommt. Eigenliebe und ein guter Rückhalt seien dabei sehr wichtig. Herr Schmitt erzählt, dass er sich selbst erst mit 36 Jahren geoutet hat – und das auch an seiner Schule! Dieser Schritt erforderte viel Mut und Selbstbewusstsein, finde ich. Es begann mit seinem inneren Outing. Er war irgendwann an dem Punkt, wo er sich selbst eingestanden hat, dass er nicht in das binäre Geschlechter-Raster passte. Er fühlte sich unwohl in
der Geschlechterrolle, die ihm bei seiner Geburt zugewiesen worden war, sodass Geschlechteridentität immer wieder als Thema in seinem Leben auftauchte.
Herr Schmitt empfiehlt, sich in dieser Situation an Menschen zu wenden, denen man vertraut: „Es ist gefährlich, so etwas für sich zu behalten und es sich in sich reinzufressen.“

Und dann?

„Man könnte einfach sagen, ein Standesbeamter macht einen Stempel drauf und gut ist, aber so läuft das leider nicht.“ Es beginnt bereits bei der Namensänderung. Nicht schwer, denke ich mir und tappe in die Falle. Nach deutschem Recht müssen Trans*menschen zwei unabhängige psychotherapeutische Gutachten erstellen lassen, bevor sie ihren Namen ändern
lassen können. Psychologen müssen bestätigen, dass sie es wirklich ernst meinen, dass der Wunsch, im anderen Geschlecht zu leben, schon länger als drei Jahre besteht und dass er auch länger anhalten wird. Diese Namensänderung kostete Herrn Schmitt knapp 1.500 Euro. Und dabei blieb es nicht. Auch Versicherung, Krankenkasse und Bankkonto mussten umgemeldet werden. Der ganze Anerkennungsprozess kann schnell mal ein Jahr dauern und bis zu 3000
Euro kosten. „In Deutschland ist man laut Transsexuellengesetz psychisch krank.“ Herr Schmitt fühlte sich aber nicht krank. Trotzdem musste er eine zusätzlich Begleittherapie machen. Der Therapeut machte die Indikation und verschrieb die Hormone. Das waren notwendige Schritte, damit Herr Schmitt am Ende mit einem richterlichen Beschluss zum Standesamt gehen konnte,
um seinen Vornamen ändern zu lassen.

Beim Outing in der Schule dann das Gegenteil.

„Ich habe das Kollegium per Rundmail informiert. Diese E-Mail zu formulieren, hat mich ein ganzes Wochenende gekostet. Ich musste lange überlegen, was ich preisgeben und wie ich es ausdrücken will.” Das Kollegium umfasst mehr als 100 Personen. Und er wollte es allen Personen zeitgleich mitteilen. Die Reaktionen waren größtenteils offen und sehr freundlich. Herr Schmitt bekam E-Mails von Personen, von denen er nie erwartet hätte, dass etwas zurückkommt.

Und die Schüler?

„Ich habe einen Tag gewählt, an dem ich viele Klassen hatte.“ Herr Schmitt erzählt, dass er den Tag lange vor sich hergeschoben habe. Er war sehr aufgeregt, als er vor der ersten Klasse stand und ihn 30 Menschen anschauten. Und dann hat er es einfach erzählt. Die Reaktionen waren rührend. Tränen. Umarmungen. Beifall. Er konnte nicht glauben, wie gut das lief. Schon am nächsten Tag wurde er als Herr Schmitt angesprochen, nicht mehr als Frau Schmitt. Sein
Outing kam beeindruckend gut an. Er hatte mit dem Schlimmsten gerechnet und wurde vom Gegenteil überrascht. Nur bei den Pronomen hapert es manchmal noch. Herr Schmitt will Mut machen. Mit seinem öffentlichen Outing will er junge Menschen ermutigen, denen es ähnlich geht. „Es ist noch gar nicht so lange her, dass sich ein Schüler mir anvertraut hat. Diese Person hat das nie in der Schule vor den anderen ausgesprochen“, berichtet mir Herr Schmitt. Inzwischen kamen schon mehrere Schüler*innen zu ihm, um sich zu outen. An seiner Schule ist er eine wichtige Anlaufstelle und auch in seiner Freizeit engagiert sich Herr Schmitt in verschiedenen queeren Beratungsstellen in Frankfurt.

 

Wusstest du, …

  • dass trans*gender nichts mit der sexuellen Orientierung der
    Person zu tun hat?
  • dass sich Trans*menschen noch bis 2011 sterilisieren lassen
    mussten, wenn sie eine Geschlechtsanpassung vornehmen und
    ihr Geschlecht in ihrem Pass ändern lassen wollten?
  • dass es zahlreiche Beratungsstellen gibt, die dich unterstützen
    und dir helfen, wenn du dich mit deinem Geschlecht dauerhaft
    unwohl fühlst?

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