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Gruppe junger Menschen, die lachen und sich sichtlich wohl fühlen
Foto: unsplash.com/eliottreyna

Lieblingsorte

Vier Schüler*innen mit Fluchterfahrung schreiben über ihre schönsten Orte der Welt. Dort, wo sie unbeschwert sein dürfen, wo es weder Hass noch Leid gibt, wo sie Frieden finden und wo Menschen sind, die sie zum Lachen bringen.

Nisa (16) | "V" (16) | Mohamad (17) | Hala (18)

Wenn ich nach Hause komme

Das rostige weiße Vorgitter quietscht. Meine Mutter schließt die dunkelgrüne Holztür auf. Mit Worten lässt sich der Geruch, der mir entgegen strömt, nicht beschreiben. Es duftet nach einem Ort, der für mich der schönste Ort dieser Welt ist. Ich laufe durch das Wohnzimmer. Auf der Couch liegt eine Staubschicht. Ich öffne die Fenster und die Blendläden. Mein Bruder trägt die Koffer ins Haus. Meine Mutter kümmert sich um Strom und Wasser. Freunde rufen meinen Namen. Sie zaubern mir ein Lächeln ins Gesicht. Ich war wieder Zuhause. Ich stürme aus der Türe heraus, springe die weiße Steintreppe hinab, um sie zu begrüßen. Wir umarmen uns und es ist, als wäre ich nie weg gewesen. Wir spielen zusammen, wie immer, wenn ich in meinen Heimatort zurückkehre.

Verstecken, schwimmen gehen, Sesamringe nach dem Schwimmen. Noch heute spüre ich das Chlorwasser auf meinen Lippen, das sich mit den Sesamringen vermischte.

Wir jagen Schmetterlingen hinterher und bauen Ameisenstraßen, indem wir zuckerhaltige Krümel auf den Weg streuen.

An diesem Ort gibt es weder Hass noch Leid. Dieser Ort der Unbeschwertheit ist der Ort meiner Kindheit und mein wahres Zuhause.

Nisa, 16 Jahre, Türkei


Meinen Lieblingsort kann ich nicht wirklich definieren

Ich würde sagen: „Mein Bett“. Das ist schön warm und kuschelig. Aber meinen Lieblingsort auf mein Bett zu reduzieren, wäre zu einfach:

Mein Lieblingsort ist,
wo ich meine Ruhe habe,
wo ich meinen Frieden finde,
wo ich offen reden kann,
wo es warm ist,
wo mir warm ums Herz wird,
wo mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert wird,
wo ich einfach „ich“ sein kann, ohne verurteilt zu werden,
wo man nicht über mich redet oder mir schiefe Blicke zuwirft,
wo ich frei sein kann, wie die Vögel am Himmel.

Mein Lieblingsort ist kein Ort, den man besuchen kann. Mein Lieblingsort ist da, wo mich Menschen umgeben, die mich mögen und die ich mag, wo mich Menschen zum Lachen oder zum Weinen bringen.

Mein Lieblingsort ist kein fester Ort – heute in der Schule, morgen im Bus, nächste Woche zu Hause.

„V“, 16 Jahre, Kenia


Mein friedliches syrisches Dorf

Ich denke oft an unser Haus in einem syrischen Dorf in der Nähe von Aleppo. Hier haben wir immer unsere Wochenenden und unsere Ferien verbracht.

Während der Woche lebte ich mit meiner Familie in Aleppo. Ich wollte nie meine Ferien in der Stadt verbringen, wo ich kaum Menschen kannte. Im Dorf kennt jeder jeden. Unser Haus steht mitten im Dorf. Es hat zwei Etagen. Auf der oberen Etage gibt es einen Balkon mit Aussicht auf eine wunderschöne Landschaft.

Da das Haus auf einem Hügel steht, kann man bei schönem Wetter kilometerweit sehen. Mein Vater lebt heute immer noch dort. Er hat unsere Familie nicht begleitet, weil er seine Heimat nicht verlassen konnte. Er wollte sich um seine alten Eltern, meine Großeltern, kümmern.

Meine Gedanken sind stets bei meinem Vater und bei diesem Haus. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dorthin zurückzukehren. Und eigentlich bin ich mir sicher, dass ich irgendwann zurückkehre. Ich habe dort im Dorf viele Freunde.

Im Sommer sind die Nächte sehr kalt, und tagsüber kann es sehr heiß werden.

Ich erinnere mich gerne an die Abende, als unsere Familie friedlich auf dem Balkon saß, Tee trank und die weite Landschaft genoss. Das alles war vorbei, als wir beschlossen, unser Land zu verlassen. Ich war damals elf Jahre alt, als mein neues Leben begann.

Nun lebe ich in Aachen. Ich kann es nicht erwarten, meinen Vater endlich wiederzusehen. Ihn vermisse ich so sehr. Ich wäre überglücklich, wenn ich ihn besuchen dürfte. Aber das geht leider nicht. Ich muss mich gedulden. Meine Familie besteht darauf, dass ich hier in Deutschland mein Abitur mache und ein Studium absolviere. Das kann noch Jahre dauern.

Ich wäre der glücklichste Mensch der Welt, wenn ich in mein Land zurückkehren könnte. Dort könnte ich meine Freunde von früher treffen, auch wenn einige von ihnen nicht mehr am Leben sind. Ich würde helfen, meine Heimatstadt wieder aufzubauen, um dort endlich wieder in Frieden leben zu können.

So wie früher!

Mohamad, 17 Jahre, Syrien


Mein Bett

Mein Lieblingsort ist mein Bett. Ein Ort, wo ich abschalten kann. Ich schließe meine Augen und bin dann meinen Träumen und Wünschen plötzlich sehr nah. Alles was tagsüber unerreichbar scheint, ist an diesem Ort greifbar. Und alles ist dann so einfach. Wie gesagt, ich brauche nur meine Augen zu schließen. Ich lasse meiner Phantasie freien Lauf, fühle mich frei und lebendig, lebendiger als im wahren Leben.

In meinem Bett komme ich nicht nur meinen Träumen und Wünschen näher, sondern auch meinen Ängsten. Ich kann mich ihnen stellen, verarbeite das, wovor ich mich fürchte. In meinen Träumen wird die Furcht nie gewinnen.

Sobald ich meine Augen öffne, stelle ich mich wieder der Realität. Meine Träume lasse ich zurück, in meinem Bett. Ich muss mich meinen Ängsten wieder stellen.

Ich sehne mich zurück an meinen Lieblingsort, den Ort, wo ich meinen Frieden finde, wo die Angst mich nicht besiegen kann, wo ich meinen Liebsten ganz nah bin, wo es für mich keine Grenzen gibt.

Hala, 18 Jahre, Kurdin aus Syrien

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Schülerinnen und Schüler mit Migrations- und Fluchterfahrung des Anne-Frank-Gymnasiums, eine Courage-Schule in Aachen, haben ihre persönlichen Geschichten in dem Buch „Zwischen den Welten“ veröffentlicht. Die Geschichten handeln von Abschied, Schmerz, Todesangst, Trauer über den Verlust von Menschen und der geliebten Heimat, aber auch Hoffnung auf Frieden, Sicherheit und Glück. Das Buch öffnet Herzen, es lässt mitfühlen und zeigt, wie gleich wir Menschen doch in der Tiefe unserer Herzen sind.

Weitere Texte, Informationen und Bestellmöglichkeiten gibt es auf der Website https://zwischen-den-welten.eu.

Ihr seid Schüler*innen einer Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage, schreibt gern und werdet gern gelesen?

Meldet euch bei uns per E-Mail an redaktion@qrage.online und vielleicht findet sich auf diesen Seiten bald auch ein Text  von euch!

Lesermeinungen

  1. Gerd Tittel
    24.04.2019

    Toll! Einfach toll die Beiträge!

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