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Foto: unsplash.com

Hannas neue Welt

Wie wachsen jüdische Jugendliche in Deutschland auf? Natürlich ganz unterschiedlich. Hanna (19) schreibt für Q-rage! online über die Auseinandersetzung mit ihrer jüdischen Identität, die Entstehung des jüdischen Jugendzentrums in Baden-Baden und darüber, wie sie in Tel Aviv gelandet ist.

Hanna V. (19) für Q-rage! online

Von Zeit zu Zeit betrachte ich mich im Spiegel, so wie alle Menschen es wahrscheinlich tun. Ich stehe davor und analysiere mein Spiegelbild. Ich gehe meine Merkmale vorsichtig durch, sortiere sie nach Stärken und Schwächen, überlege womit ich zufrieden bin und womit noch nicht.

Das ist sicher nicht ungewöhnlich, sondern gehört für den Großteil der 19-jährigen in Deutschland zum Alltag. Doch ich muss zugeben, es gibt gewisse Dinge, die ich nur mit wenigen anderen Mädchen teile. Kaum eine meiner Schulfreundinnen hat schwarzes und lockiges Haar, wie das meine. Wenn ich spreche, hört man sofort meinen Akzent, ich rolle das R. Um meinen Hals trage ich eine Kette mit einem silbernen sechszackigen Stern, den ich während meines letzten Israel-Aufenthaltes gekauft habe. Jeder, der mich gut kennt, weiß, dass ich jüdisch bin.  Ich bin jüdisch, so wie meine Eltern und Großeltern es sind und wie Albert Einstein, Franz Kafka und Sigmund Freud es waren. Dass ich es bin, weiß ich seit ich klein bin. Was es jedoch bedeutet jüdisch zu sein, verstehe ich erst seit relativ kurzer Zeit.

Vom Funken zur Flamme

Um genau zu sein, verstehe ich es seit dem Frühjahr 2015. Zu dieser Zeit begann ich als Betreuerin im neugegründeten Jugendzentrum „Lehava“ in der Stadt Baden-Baden zu arbeiten. Der Name „Lehava“ bedeutet übersetzt „Flamme“. Dabei handelt es sich nicht einfach nur um einen Namen, sondern um eine Metapher. Eine Flamme ist etwas, das man mit Licht und Wärme in Verbindung bringt. Sie kann einen Raum, aber auch ein Leben erhellen, sich ausbreiten und übergreifen. Am Anfang jeder Flamme steht immer ein kleiner Funken, aus dem ein Waldbrand entstehen kann. So ungefähr lässt sich die Entwicklung unseres Jugendzentrums beschreiben.

Der ursprüngliche Funken war kurze Zeit zuvor auf mich übergesprungen. 2014 fuhr ich zum ersten Mal auf die „Jewrovision“, ein Event, bei dem jüdische Jugendzentren aus nahezu allen deutschen Städten tanzend und singend gegeneinander antreten. Damals öffnete sich mir ein bis dahin unbekanntes Universum. Alle, die dort zusammenkamen, schienen glücklich zu sein, redeten von Zukunft und Zusammenhalt, und es dauerte nicht lange, bis diese Euphorie auch auf mich übergriff. Das Wochenende war erfüllt von Musik und Freude und alle begegneten mir mit Offenheit. Hinzu kam, dass meine Neugier an diesem Punkt geweckt wurde, denn viele Dinge, auf die ich dort stieß, wie zum Beispiel das Gebet am Schabbat, waren mir von zuhause nicht bekannt.

Religion als Politikum

Meine Familie kommt aus der ehemaligen Sowjetunion, einem Staat, in dem jüdisch zu sein in erster Linie Nachteile brachte und religiösen Riten nachzugehen vom kommunistischen Regime nicht gern gesehen war und zeitweise verboten wurde. Zeit ihres Lebens waren meine Eltern nie bei einem Gebet in der Synagoge, sie haben noch nie einen jüdischen Feiertag traditionell gefeiert und würden bis heute nicht zu ihrer Religionszugehörigkeit stehen. Die Sowjetunion hat sie zu Atheisten gemacht, die sie ihr Leben lang sein werden. Ich bin zwar mit dem Wissen aufgewachsen, dass ich jüdisch bin, verstand aber nie richtig, was das bedeutete. Ich hatte nie eine jüdische Identität und wusste nichts über den Glauben und die Tradition.

So tauchte ich also in diese neue Welt ein, die mich einsog und nicht mehr losließ. Ich fing an auf jüdische Ferienlager zu fahren, kurze Zeit später auch als Betreuerin. Ich besorgte mir Bücher und las über den Glauben, die Tradition und die Geschichte der Juden. Es war nie mein Ziel gewesen, ein religiöses Leben zu führen. Ich wollte einfach so viel wie möglich wissen, um selber entscheiden zu können, wie ich mein Judentum ausleben will.

Das Jugendzentrum

Irgendwann kam also der Tag, an dem unser Jugendzentrum ins Leben gerufen wurde. Die Gemeinde stellte einen jungen Judaistik-Studenten ein. Ich wurde zur ersten Betreuerin und bereitete für jeden zweiten Sonntag ein Kinderprogramm vor. Am Anfang standen wir vor der großen Herausforderung, Kinder für das Jugendzentrum zu begeistern, denn ohne Jugend funktioniert kein Jugendzentrum. Das Problem dabei war, dass gefühlt 90 Prozent der Kinder noch nie in der Gemeinde gewesen waren. Wir erkundigten uns also nach allen Gemeindemitgliedern, die Kinder hatten, riefen bei ihnen zuhause an, schrieben Emails und sprachen sie auf der Straße an. Wir wollten so viele wie möglich erreichen.

Oft begegneten uns die Eltern mit Neugier und Freude darüber, dass es jetzt auch ein Angebot für die Kinder geben sollte. Bei manchen stießen wir jedoch auch auf eine gewisse Skepsis und Sorge darüber, ihre Kinder auch nur für wenige Stunden in fremde Hände zu geben. Mit jedem Treffen wurde uns immer mehr bewusst, welche Verantwortung wir trugen. Alle unsere Programme mussten sorgfältig und im Voraus durchdacht und vorbereitet werden, dazu trafen wir uns regelmäßig. Dies war nicht immer einfach, vor allem, wenn kurz darauf Klausuren oder gar das Abitur anstand. Das war es aber definitiv immer wert, denn ab und an hatten wir bei der Vorbereitung großen Spaß und wurden zu sehr guten Freunden.

Zu unserem allerersten Treffen erschienen damals 14 Kinder. Heute sind es ungefähr 20 Kinder mehr, die sonntags regelmäßig ins JuZe kommen. Sie haben jedes Mal die Möglichkeit auf spielerische Art und Weise etwas zu einem jüdischen, einem ethischen oder einfach einem aktuellen Thema zu lernen und natürlich auch neue Freundschaften entstehen zu lassen. Dank der fortwährenden Unterstützung der Gemeinde steht auch alle paar Monate ein gemeinsamer Ausflug an. Mal geht es ins Kino, mal in den Kletterpark. Mittlerweile gibt es auch Kinder, die zu wirklich jedem Treffen erscheinen und regelmäßig ins jüdische Ferienlager fahren. Diese Kinder sind auf dem besten Weg, stolze und selbstbewusste jüdische Mitbürger zu werden, die wissen woher sie kommen und wohin sie gehen. Sie wachsen mit dem Jugendzentrum auf und entwickeln das, was ich als Kind nicht hatte: eine jüdische Identität.

Von Baden-Baden nach Tel Aviv

Was meine Eltern betrifft, so betrachten sie mein Engagement in der jüdischen Jugendarbeit noch immer mit Skepsis. Sie haben nach wie vor viele Befürchtungen, zum Beispiel, ich könnte wichtigere Dinge vernachlässigen oder einfach die gleichen negativen Erfahrungen mit dem Jüdischsein machen, wie sie zu ihrer Zeit.

Doch ich mache weiter und hege die Hoffnung, dass ich eines Tages das Interesse meiner Eltern, wie bereits das mancher Kinder, wecken kann. So wird es vielleicht bald die jüngere Generation sein, die ihr Wissen an die ältere weiter gibt.

Im Moment sitze ich in einem Café in Tel Aviv und schwelge in alten Erinnerungen, während ich diesen Text verfasse. Hier, in Israel, werde ich die nächsten sechs Monate meines Lebens verbringen und einen Freiwilligendienst leisten.

Ich werde Hebräisch lernen, einen Teil der Gesellschaft bilden, viele Orte sehen und neue Menschen treffen. All das wäre mir vor wenigen Jahren nie in den Sinn gekommen. All das habe ich dem Jugendzentrum und der jüdischen Jugendarbeit zu verdanken. Und all das wird ein Teil meiner neuen, jüdischen Identität werden.

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Lesermeinungen

  1. Emily Patzer
    03.11.2017

    Toller Artikel! Ich bin sehr gespannt, ob du uns aus Tel Aviv noch berichtest. Ich selbst war im Juni das erste Mal überhaupt da und ich finde, Israel polarisiert -durch und durch! Ich wäre sehr interessiert, zu hören, welche Erfahrungen du dort machst!

    Liebe Grüße
    Emily P.

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